Es gibt keine «digitale Gesellschaft»

Seit 2011 gibt es einen Verein namens «Digitale Gesellschaft». FDP-Nationalrat Fatih Derder verlangte vom Bundesrat mit einer Motion die Schaffung eines «Staatssekretariats für die digitale Gesellschaft». Und ETH-Forscher Dirk Helbing verlangt ein «Apollo-Programm für die digitale Gesellschaft».

Aber was ist die digitale Gesellschaft, und gibt es sie wirklich?

In einem sehr lesenswerten Artikel in der
FAZ erklärt der deutsche Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, warum die «digitale Gesellschaft» eine Fiktion ist und bleiben wird.

«Die Übertragung eines evolutionär relativen, naturwissenschaftlichen oder technischen Kalküls auf einen soziologischen Grundbegriff ist ein schlichter Kategorienfehler», schreibt Hachmeister. «In diesem Sinne gibt es auch keine atomare oder mechanische Gesellschaft.» Kein Sozialforscher sei jemals auf die Idee gekommen, eine «elektrische Gesellschaft» zu postulieren, als vor 100 Jahren Elektrizitätswerke begannen, jedes Dorf mit Strom zu versorgen.

Der Historiker Hachmeister erklärt das Aufkommen der Idee der «digitalen Gesellschaft» mit einem Blick zurück: «Der Traum, ein schnelles und möglichst selbstreguliertes Internet könne eine neue Gesellschaftsform hervorbringen, stammt bekanntlich aus der amerikanischen Gegenkultur der sechziger Jahre.» Hachmeister erwähnt die vom Netzaktivisten John Perry Barlow entworfene «Unabhängigkeitserklärung für den Cyberspace».

In der Politik habe das schon mal nicht funktioniert, erinnert Hachmeister. Die «liquid democracy» der Piratenpartei habe sich «durch Motive wie Neid, Wut und technologische Naivität» selbst erledigt. Eine «digitale Gesellschaft» lässt sich, so Hachmeister, «nur ohne Menschen aus Fleisch und Blut» denken. Davon sind wir weit entfernt. Der Medienwissenschaftler kommentiert trocken: «Die von vielen Geeks und Nerds geteilte Bitte um eine Entkörperlichung und Verflüssigung der conditio humana wurde nicht erhört, weil ein technologisches System keine Antworten gibt, bislang jedenfalls nicht über „Ask Google“ hinaus.»

Die oft im Zusammenhang mit der «digitalen Gesellschaft» erwähnte Idee der «digitalen Revolution» hat bereits vor zwei Jahren Evgeny Morozov
entlarvt.

Über agossweiler

Journalist
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