Der Hype der «digitalen Revolution»

Anscheinend ist es heute fast nicht mehr möglich, einen Artikel über Online-Journalismus zu verfassen, ohne die Wortkombination «digitale Revolution» zu gebrauchen. Das jüngste Beispiel stammt aus der Zeitung Schweiz am Sonntag, wo Jungjournalist Joel Bedetti schreibt:

«Die Verlage betrachteten Online-Redaktionen oft als Konzession an die lästige digitale Revolution.»

Es lohnt sich, ein bisschen über diese sogenannte «digitale Revolution» nachzudenken. Sehr intelligent und anregend tut das der weissrussische Publizist Evgeny Morozov in seinem neuen Buch. Kritisch nimmt er eine Ideologie unter die Lupe, die er «Internetzentrismus» nennt:

«In a true Hegelian dialectic spirit, Internet-centrism sustains itself through the binary poles of Internet pessimism and Internet optimism, presenting any critique of itself as yet another manifestation of these two extremes.»

Den Vertretern des Internetzentrismus wirft Morozov «ahistorisches Denken» vor:

«History itself is deemed irrelevant, for the Internet is seen as representing a distinct rupture with everything that has come before – a previously unreachable high point of civilization.»

Solche behaupteten «Brüche» (ruptures) würden zwangsläufig Opfer mit sich ziehen. Deshalb zeigten sich die Internet-Dogmatiker so gefühllos mit krisengeschüttelten Wirtschaftszweigen wie der Medienbranche, konstatiert Morozov. Doch das Postulieren der «digitalen Revolution» sei falsch, denn: «Only by suppressing history can we see the Internet as unique and exotic.»

Gerne vergleichen Internet-Religiöse den Durchbruch des Internets mit der Erfindung der Druckerpresse. Wie der für sein junges Alter (29) erstaunlich belesene Evgeny Morozov zeigt, wurde diese angebliche Parallele in die Welt gesetzt von Internet-Dogmatikern wie Jeff Jarvis. Mit dieser behaupteten Parallele werden die Opfer der angeblichen «Internet-Revolution» kleingeredet: So wie die Druckerpresse die Schreiber arbeitslos gemacht habe, sei es nur natürlich, dass das Internet Journalisten und Drucker überflüssig mache. Fragt sich nur, welche Werte dabei auf der Strecke bleiben. Wenn der Medienkonsum übers Internet professionellen Journalismus verdrängt, hat das ganz andere Folgen, als wenn handgeschriebene Texte durch gedruckte Texte ersetzt werden. Aber mit solchen Finessen haben sich Jarvis und seine Fans nie beschäftigt.

Gekonnt zeigt Morozov, dass die Stilisierung des Internets als grösste «Revolution» seit der Erfindung des Buchdrucks hinten und vorne nicht stimmt. Die Erfindung der Druckerpresse sei keineswegs eine schlagartige Revolution, als die sie Jarvis darstellt: «Many features of the print culture were in place – even if on a smaller scale – well before this culture sprang up out of nowhere.» Deshalb wirft Morozov Jarvis & Co vor: «They misrepresent and badly mangle the past, leaving us with an impoverished reading of history and a confused game plan for the future.»

Evgeny Morozov: «To Save Everything Click Here», Public Affairs 2013

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2 Antworten zu Der Hype der «digitalen Revolution»

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