Geniale Brüder: Everly Brothers und Warner Brothers

Warner-Brothers-Designer Ed Thrasher setzte die Everly Brothers gekonnt in Szene

Warner-Brothers-Designer Ed Thrasher setzte die Everly Brothers gekonnt in Szene

Die Karriere der Everly Brothers als Hitmaschine war 1968 längst vorbei. Ihre zweistimmig gesungenen Hits wie «Wake Up Little Susie» hatten die «British Invasion» der englischen Bands wie die Beatles stark inspiriert, aber diese verdrängten die Everlys dauerhaft aus den Hitparaden. Deshalb konnten Plattenproduzenten mit dem Brüderduo praktisch machen, was sie wollten. Mal liessen die Produzenten des Warner-Brothers-Plattenlabels die Everlys Soulnummern singen, dann wieder schickten sie sie nach London, um Hollies-Hits aufzunehmen. Die Brüder machten alles mit, in der Hoffnung, an die glorreichen Zeiten anzuknüpfen, doch es nützte alles nichts.

1968 versuchten sie einen neuen Anlauf. Bei den Warner Brothers war eine neue Generation kreativer Köpfe am Werk, darunter der geniale Produzent Lenny Waronker. Country-Rock war der neue Trend, und es war naheliegend, dass die Everly Brothers ein Country-Rock-Album aufnahmen, denn eigentlich hatten sie schon immer Country und Rock’n’Roll gespielt, wenn auch mit einem anderen geistigen Hintergrund. Doch Lenny Waronker machte mit den Everly-Brüdern ein Country-Rock-Album, wie es vorher und seither kein zweites gab.

Zunächst liess Waronker Don und Phil Everly eine Handvoll Country-Klassiker singen: «Mama Tried» und «Sing Me Back Home» von Merle Haggard, «T for Texas» von Jimmie Rodgers, «You Done Me Wrong» von Ray Price. Dazu kam eine Prise Soft-Folk sowie ein Remake des Everly-Songs «I Wonder If I Care As Much». Die Everlys liessen ihre wohlklingenden Terz-Harmonien erklingen, wie sie das immer taten. Sehnsüchtige Dobros, Banjos und Slideguitars, kompetent gespielt (laut einer Twitter-Mitteilung von Van Dyke Parks war James Burton am Werk und eventuell Ry Cooder) zeigten genauso deutlich wie das Coverfoto mit Strohballen, dass ein musikalischer Ausflug aufs Land angesagt war: «I’m going where the water tastes like cherry wine».

Doch Lenny Waronker hatte nicht vor, eine Countryplatte zu machen wie alle anderen. Das Potpourri der sehnsüchtigen Country-Balladen rundete er ab mit ein paar Nummern aus der Feder seiner Freunde, die Warner Brothers kürzlich unter Vertrag genommen hatte. Waronkers Schulfreund, der damals noch unbekannte Randy Newman, steuerte «Illinois» bei, eine Nummer, die zwar passend zum Country-Thema im Text auf «clean Prairie winds» und «cornfields that gleam in the sun» verwies, aber auch auf die Skyline und die Bahnhöfe von Chicago. Musikalisch war der Song mit seinen Piano-Arpeggien (eventuell eingespielt von Randy Newman?) meilenweit von der Country-Formel entfernt. Ron Elliott von den Beau Brummels hatte genausowenig mit Country am Hut wie Newman. Waronker wählte zwei Werke von Elliott, darunter «Ventura Boulevard», ein Song über eine berühmte Strasse in Los Angeles.

Geschickt spielte Lenny Waronker mit den Möglichkeiten der Studiotechnik. Zwischen die Songs schnitt er kurze Schnipsel aus alten Radioshows der Everly Family. Die akustischen Country-Instrumente mischte er mit Elektrogitarren, die er durch Verzerrer, Wah-Wahs und Echokammern jagte. So dass allen Hörerinnen und Hörern klar wurde: Das war kein Country-Album, das Authentizität zum Ziel hatte, sondern eine Platte, die aus den Bausteinen einer überlebten musikalischen Tradition etwas ganz Neues zusammenbaute. Stellenweise klang das ein wenig, wie am Reissbrett entworfen oder in einem klimatisierten Warner-Brothers-Büro ausgedacht. Doch der immer noch magische Duogesang der Everlys und die kompetenten Beiträge der anonymen Studiomusiker machen «Roots» zu einem grossen Hörgenuss. Die Verkaufszahlen waren leider mager, deshalb war dies das letzte Studioalbum, das die Everlys für das Warner-Brothers-Label machen durften. Wie andere Platten jener Zeit bekam «Roots» den Ruf, seiner Zeit ein paar Jahre voraus zu sein. Erst 1995 brachte ein kleines Spezialitätenlabel eine CD auf den Markt. Dank Rhino Records ist «Roots» seit letztem Jahr auch wieder als LP erhältlich.

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