Die Viadukte von Harel de la Noë in den Côtes-d’Armor (Teil 2)

Gare2Die Mitarbeiter/innen der Uni-Kantine in St-Brieuc kennen Louis Harel de la Noë bestens. Kein Wunder: Ihr Arbeitsplatz befindet sich in einem Werk des genialen Ingenieurs – in der ehemaligen Gare Centrale. Das Bauwerk ist völlig originell. Die Parabelbögen der grossen Halle, unter der früher Dampfzüge ein- und ausfuhren, wurden aus Beton gebaut, nicht aus Stahlprofilen, wie das zur Bauzeit (1905) sonst üblich war. Die feinen Betonbögen wurden mit zweifarbigen Backsteinen verblendet. Nach der Stilllegung des Schmalspurnetzes im Departement Côtes-d’Armor diente die Halle als Busbahnhof. 1995 wurde darin die Kantine der nahe gelegenen Universität eingerichtet. Dies hat den Nachteil, dass die fantastische Halle nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Wenn man sich trotzdem reinwagt, muss man damit rechnen, dass das Küchenpersonal der Kantine einen fragt, ob man etwas sucht. Doch wenn man den Namen Harel de la Noë erwähnt, verbessert sich die Stimmung schlagartig. Das Personal erzählt, welche Viadukte in der Nähe man unbedingt anschauen soll.

Und Viadukte hat es in der Umgebung von St-Brieuc einige. Beim Bau der Linie St-Brieuc – Plouha musste die Bahn das tief eingeschnittene Tal des Flüsschens Gouët überwinden. Harel de la Noë entwarf einen 250 Meter langen, 32 Meter hohen, zweistöckigen Viadukt mit 23 Bögen, den Viaduc de Souzain. Auch hier verwendete der Ingenieur mit Backsteinen verkleidete Betonsäulen. Leider wurde das grossartige Bauwerk 1995 abgebrochen.

Um die Bahnlinie aus dem Tal des Gouët heraus zu führen, waren vier weitere Viadukte nötig. Sie sind erhalten geblieben, wenn auch ohne Funktion. Einer von ihnen, der Viaduc de Grognet,diente als «Versuchskaninchen». Harel de la Noë setzte diesen Viadukt einem Belastungstest aus, um die Stabilität seiner neuartigen Bauweise zu erproben. Der Test war nötig, weil Parlamentsmitglieder öffentlich Zweifel äusserten, ob Harels innovative Bauwerke das Gewicht der Eisenbahnzüge aushalten würden. Um Material (und Geld) zu sparen, löste der Ingenieur die Pfeiler der Brücken auf in zwei parallele Pfeiler, die H-förmig mit einem Steg verbunden waren. Mit Backsteinreihen sorgte Harel de la Noe für dekorative Akzente. Bei keinem Viadukt durfte ein beidseitiges Trottoir mit Geländern aus Beton fehlen, das auf gemauerten Backsteinbögen ruhte. Die Bögen der Trottoirs entsprechen in der Breite konkav gemauerten, durch Backsteine optisch getrennten Teilen der Viadukte, was ein elegantes Erscheinungsbild ergibt. Nicht nur die Form der Bauwerke gab zu reden, sondern auch die Organisation der Bauarbeiten: Harel de la Noë legte grossen Wert darauf, dass das Departement die Bauarbeiten in Regie ausführte, statt Bauunternehmer damit zu beauftragen. Zu diesem Zweck stellte das Departement 120 Bauarbeiter an. Dies hatte für Harel de la Noë den Vorteil, dass er alle Details der Ausführung selbst kontrollieren konnte.

Ein besonders eindrücklicher Viadukt steht zwischen Plérin und Pordic: er überquert das Tal eines Flüsschens namens Parfond de Gouët. Die Dimensionen sind eindrücklich: 124 Meter lang, 34 Meter hoch, 13 Bögen. Besonders erfreulich: Bis 2010 war der Viadukt wegen Baufälligkeit gesperrt, doch in den letzten Jahren sorgfältig renoviert und jetzt Teil eines schönen Veloweges, der jedoch leider nach wenigen hundert Metern an der Autobahn aufhört, welche die frühere Bahnlinie durchschneidet.

Fotos: Andreas Gossweiler

PlanO1 Gare Centrale
2 Viaduc de Souzain
3 Viaduc de Tosse Montagne
4 Viaduc de la Horvaie
5 Viaduc de Grognet
6 Viaduc de Colvé
7 Viaduc du Parfond de Gouët

Über agossweiler

Journalist
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