Die Viadukte von Harel de la Noë in den Côtes-d’Armor (Teil 1)

Caroual1Wie jedes französische Departement waren auch die Côtes-d’Armor bis in die 1950er Jahre durchzogen von einem Netz von Meterspurbähnchen. Einmalig ist die gestalterische Qualität der Viadukte im Departement Côtes-d’Armor. Sie waren nötig, um die tiefen Täler zu überbrücken, die das sonst relativ flache Gebiet durchziehen. Entworfen wurden sie von Louis Harel de la Noë, Chefingenieur des Departements. Besonders hoch ist die Anzahl der Viadukte in der Region um das Städtchen St-Brieuc.

Die originelle Form der Bauwerke springt einem sofort ins Auge. Kein anderes Bahnnetz hatte so sorgfältig durchgestaltete Viadukte. Bei anderen Bahnen wurden in der Regel massive Steinviadukte gebaut, gelegentlich auch Stahlbrücken. Harel de la Noë experimentierte hingegen mit dem damals neuen Stahlbeton. Der Ingenieur versuchte, möglichst materialsparend zu bauen. Deshalb probierte er ungewöhnliche Formen und Bauweisen aus. Gemauerte Pfeiler löste er auf in einzelne Scheiben, die miteinander durch Quermauern verbunden sind. So entstanden Pfeiler mit einem H-förmigen Grundriss. Als Armierungseisen verwendete er teilweise alte Eisenbahnschienen. Diese Bauart war finanziell besonders günstig: Harel versprach, die neuen Linien des Departements zu einem Preis zu bauen, der ein Drittel unter den damals üblichen Kosten lag.

Beim Bau der 1922 bis 1926 eröffneten Linie Yffiniac – Matignon setzte Harel de la Noë auf Viaduktbögen, deren einzelne Teile vor Ort aus Stahlbeton gegossen waren. Der Ingenieur standardisierte die Dimensionen der Viaduktbögen, so dass die Gussformen auf verschiedenen Baustellen wiederverwendet werden konnten. Die Formgebung der so entstandenen Bauwerke ist völlig originell. Eines der schönsten Bauwerke ist der Viaduc du Caroual in der Nähe von Erquy. Die Bögen sind fast so fein dimensionert wie bei Holzbauten. Um die Stabilität sicher zu stellen, hat Harel de la Noë die Bögen aus segmentförmigen Fachwerken gebildet. Im Unterschied zu anderen frühen Betonbrücken mit einer aufs Nötigste reduzierten Formensprache, wie sie François Hennebique oder Robert Maillart bauten, zeichnen sich Harel de la Noës Bauten durch spielerische Wahl von Materialien und Formen aus. Auch bei Betonbauten wie dem Viaduc de Caroual verzichtete er nicht auf gemauerte Pfeiler. Diese waren gegliedert durch Lagen von Backsteinen. Gemauerte Bögen unterteilte er vertikal durch leicht konkave Wölbungen. Der Preis für die leichte Bauart war, dass die Brückenbauten weniger Last aufnehmen konnten. Wenn eine Lokomotive auf der Strecke liegen blieb, konnte sie nicht ohne weiteres abgeschleppt werden: Um eine Überlastung der feinen Brücken zu vermeiden, musste zwischen zwei Lokomotiven ein Personenwagen gekuppelt werden.

Die Stilllegung der von ihm gebauten Bahnlinien hat der Ingenieur bereits während der Bauzeit vorausgesehen. Schon 1900 schrieb er: «Je construis pour les 50 années à venir, après quoi la route reprendra ses droits.» Leider hatte er damit recht. Allerdings sind seine Brücken zum Glück fast alle erhalten geblieben. Einige dienen als Strassenbrücken, andere wurden in den letzten Jahren sorgfältig renoviert und sind jetzt Teil von neu angelegten Velo- und Spazierwegen.

Fotos: Andreas Gossweiler

PlanE1 Gare Centrale
2 Viaduc du Toupin
3 Viaduc des Courses
4 Viaduc de Douvenant
5 Viaduc du Vau Hervé
6 Pont de la Cage

Über agossweiler

Journalist
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Eisenbahn veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s