Leserbrief ans Edito

Liebes Edito

Deine Rubrik «Brief an…» lese ich immer gerne. Deshalb schreibe ich Dir jetzt auch mal einen Brief. Du hast mir mitgeteilt, dass die Medienlandschaft rasanten Veränderungen unterworfen ist. Das weiss ich aus täglicher eigener Erfahrung. Du schreibst auch, die Anzeigenkrise setze Dir zu und dass ich Dich mit einer Geldspende unterstützen könne. Ich bin nicht geizig, aber was unterstütze ich, wenn ich fürs Edito spende? Das habe ich mich gefragt, als ich die neue Ausgabe las.

«Das wird uns 2016 beschäftigen», lautet die grösste Schlagzeile im Heft. Klingt vielversprechend. Dazu ein zweiseitiges Foto vom Puff auf einem Schreibtisch. Kenne ich aus tägicher eigener Erfahrung. Auch 2016 werde ich ein kreatives Puff auf dem Schreibtisch haben. Soviel steht fest. Und sonst?

Es beginnt mit zwei Seiten Text: «Was das Smartphone mit dem Journalismus macht.» Bettina Büsser hat, um das herauszufinden, mit drei Personen gesprochen: Alexandra Stark, Hansi Voigt und Konrad Weber. Wer einen Twitteraccount hat, findet relativ bald heraus, dass die drei genannten Personen eines verbindet: Sie sind begeistert von moderner Technik, sprich vom Internet. Das zeigt sich auch in ihren Statements: Weber fordert, Medienhäuser müssten «in erster Linie für den Mobile-Kanal denken» – im Klartext: für Leute, die keine Zeitung mehr lesen wollen, sondern lieber auf ihr Smartphone gucken. Auf einen Bildschirm mit wenigen Quadratzentimetern also. «Extrem klein und unübersichtlich» sei so ein Bildschirm, berichtet Alexandra Stark. Das wird kaum jemand bestreiten. Hansi Voigt lobt, das Handy schaffe die Möglichkeit von «gehobenen Interaktionen mit den Usern». Leider klafft ein Graben zwischen der Möglichkeit und der Realität, sag ich mir, wenn ich die Kommentarspalten von Internetmedien anschaue.

Warum sollen Journalisten fürs Handy schreiben, also für ein Medium, das die Aufmerksamkeitsspanne der Leserinnen und Leser extrem verkleinert? Edito schreibt, man müsse die Angebote «an die Bedürfnisse der User» anpassen. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen angeblichen «Bedürfnissen» vermisse ich in dem Text, liebes Edito. Journalisten sollten meiner Meinung nach alles hinterfragen und nicht technische Entwicklungen von vornherein als gegeben und als glückbringend betrachten. Solche kritischen Gedanken habe ich in Deinem Artikel vermisst, liebes Edito.

Und weiter gehts leider im gleichen Stil. Ein paar Seiten weiter zitierst du einen weiteren technikbegeisterten Journalisten namens Richard Gutjahr. Er fordert, Journalisten müssten «etwa zur Hälfte» auch Techniker sein. Warum das so sein muss, erklärst du mir nicht, liebes Edito, und du hinterfragst es auch nicht. Du schreibst, Gutjahr setze sich «stark mit dem digitalen Wandel der Medien auseinander.» Klingt gut, aber auch Gutjahr hat sich profiliert als Person, die vom Internet viel Gutes erwartet, aber die damit verbundenen Probleme kaum in seinen Diskurs einbezieht. Ich bin überzeugt, dass Journalisten dafür da sind, interessante Informationen zu suchen und zu vermitteln. Ob mehr Technik – sprich: mehr bunte Bilder, mehr Grafiken, mehr Videos, mehr Umfragen dazu beitragen, die Informationen bestmöglich zu vermitteln, wage ich zu bezweifeln. In einem Medienmagazin möchte ich kritische Denkanstösse zu diesem Thema sehen – nicht Axiome technikbegeisterter Personen.

Die Positionen von Gutjahr, Stark, Weber, Voigt & Co bekomme ich täglich gratis via Twitter mit. Dafür brauche ich kein Medienmagazin. Wenn Du also möchtest, dass ich Lust bekomme, Edito finanziell zu unterstützen, dann bring doch in Zukunft bitte weniger unhinterfragte Verlautbarungen technikaffiner Kollegen und mehr kritischen Denkstoff zum «Medienwandel». Dafür sind wir Journalisten doch da: Um Entwicklungen, auch technische, lustvoll zu hinterfragen.

Ich weiss: Es ist fast unmöglich, über das angesprochene Thema noch locker zu debattieren, ich bin vermutlich in den Augen der technikbegeisterten Fraktion nur ein altmodischer Zivilisationspessimist. Trotzdem und gerade deshalb mache ich mir weiterhin Gedanken zum Thema. Gerade auch, weil Autoren wie Evgeny Morozov, Sherry Turkle und Jaron Lanier spannende Bücher dazu geschrieben haben. Es lohnt sich und macht viel Spass, über Technik nachzudenken.

Findet, freundliche Grüsse sendend
Andreas Gossweiler

Über agossweiler

Journalist
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2 Antworten zu Leserbrief ans Edito

  1. Bettina Büsser schreibt:

    Lieber Andreas Gossweiler

    Wir waren entzückt! Jahrelang haben wir ohne grosse Resonanz „Brief an …“ um „Brief an …“ geschrieben – nur einmal hat Roger de Weck reagiert, sonst blieb es still. Und nun schreibt tatsächlich jemand einen „Brief an …“ – an uns!

    Etwas weniger entzückt waren wir natürlich vom Inhalt Ihres Briefs. Sie schreiben, dass Sie zu einer Spende für „Edito+Klartext“ aufgefordert worden seien – und sich gefragt hätten, was Sie denn mit einer Spende unterstützen würden. Und dabei klingt mit, das spüren wohl auch weniger sensible Gemüter als wir, dass es Sie nicht unbedingt drängt, die Inhalte, die Sie danach aufzählen, zu unterstützen. Und dass Sie dies durchaus überdenken könnten, wenn wir in Zukunft „weniger unhinterfragte Verlautbarungen technikaffiner Kollegen“ und „mehr kritischen Denkstoff zum ‚Medienwandel‘“ bringen würden.

    Ihre Kritik gilt dabei in erster Linie dem Artikel „Was das Smartphone mit dem Journalismus macht“. Die dazu Befragten, kritisieren Sie, seien alle „begeistert von moderner Technik, sprich vom Internet“, das sei deren Tweets zu entnehmen und deshalb nicht auch noch in „Edito+Klartext“ zu verbreiten.

    Mag sein, dass der Artikel völlig missraten ist und deshalb falsch verstanden wird. Denn wir haben die drei weder angefragt, weil wir ihre Tweets nicht kennen, noch, weil wir fanden, es sei an der Zeit, eine Hymne an die moderne Technik zu publizieren. Dafür sind wir als Immernoch-Papierzeitung-Lesende definitiv zu retro.

    Aber wir sind der Meinung, dass sich „Edito+Klartext“ um die Arbeitsrealität der Journalistinnen und Journalisten zu kümmern hat. Deshalb – nur ganz nebenbei bemerkt – hat es uns auch etwas betrübt, dass Sie die Artikel in derselben Ausgabe zum Thema GAV oder zur Medienpolitik mit ihren Auswirkungen in Ihrem Brief nicht erwähnt haben. Ebenso wenig den Text zum Jahrbuch „Qualität der Medien“.

    Doch Schwamm drüber, zurück zum Smartphone-Text. Es mag uns als Zeitungslesende betrüben, aber Fakt ist: Die Print-Auflagen gehen zurück. Immer weniger Leute abonnieren eine Zeitung, immer mehr Leute konsumieren journalistische Inhalte digital. Und viele und immer mehr davon tun dies nicht am grossen Compi-Bildschirm, sondern auf dem Smartphone. Das stellt auch das fög-Jahrbuch fest, das wohl kaum unter dem Verdacht der chronischen Bejubelung von neuer Technik steht.

    Deshalb schien es uns sinnvoll, Expertinnen und Experten, also Leute, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen, zu fragen: Wenn man denn journalistische Inhalte via Smartphone transportieren will – worauf muss man achten? Was funktioniert? Was nicht? Denn, auch das schien uns logisch: Wenn man so Leserinnen und Leser erreicht, wollen viele Journalistinnen und Journalisten ihre Inhalte (auch) auf diesem Kanal veröffentlichen. Und andere Journalistinnen und Journalisten werden in naher Zukunft mit der Forderung ihrer Herausgeber/Verleger/Arbeitgeber konfrontiert sein, ihre Inhalte so aufzubereiten, dass sie auch auf den Kanal „Mobile“ funktionieren. Das kommt auf uns zu, egal, ob wir uns die Augen zuhalten oder nicht.

    Es ist, glauben wir, ein Drang der Journalistinnen und Journalisten, ihre Recherchen, Informationen und Einsichten möglichst einem breiten Publikum und damit auf möglichst allen Kanälen zu vermitteln. Sonst würden sie ja einfach Tagebuch schreiben. Deshalb würden wir auch Ihren Satz „Ich bin überzeugt, dass Journalisten dafür da sind, interessante Informationen zu suchen und zu vermitteln“ in allen Farben unterschreiben. Finden wir uns da?

    Das hofft, freundlich grüssend und herzlich für Ihren Brief dankend

    Edito+Klartext (Bettina Büsser)

    P.S.: Etwas lässt uns, trotz aller Hoffnung, sich zu finden, keine Ruhe: Der „Brief an …“ von Edito+Klartext erschien bisher immer ausschliesslich auf Papier, im gedruckten Magazin. Ihren „Brief an …“ hingegen haben Sie nicht Papier anvertraut und an uns geschickt, sondern in Ihrem Blog veröffentlicht. Im Internet. Steckt dahinter eine Botschaft, die wir nicht verstanden haben?

  2. agossweiler schreibt:

    Liebes Edito+Klartext

    Vielen Dank für Deine Antwort. Dein Artikel ist nicht «völlig missraten» – mich störte nur, dass darin nur Leute zu Wort kommen, die so nonchalant «disruptiv» sagen wie andere «Tagwohl» oder «schönes Wetter». Was heisst «disruptiv»? Einerseits das unerbittliche Hinwegfegen herkömmlicher Angebote durch neue Technologien. Andererseits bedeutet «disruptiv» auch: Hunderte von Journalistinnen und Journalisten verlieren ihre spannende Arbeitsstelle und werden in die PR oder in andere Berufe abgedrängt.

    Wieder andere werden von ihren Arbeitgebern dazu gezwungen, für ein Publikum zu schreiben, das sich nicht mehr die genussvolle Lektüre einer guten Tageszeitung gönnt, sondern nur noch schnell-schnell in der S-Bahn «Push-Meldungen» aus dem Handy reinzieht. Ein Medienmagazin sollte diese Entwicklung kritisch begleiten, das wünsch ich mir jedenfalls.

    Zu Deinem PS: Ja klar, das Medium ist immer auch eine Botschaft, das ist seit McLuhan allgemein bekannt. In meinem Fall wäre die Botschaft die folgende: Ich bin auch fasziniert von moderner Technik, benütze sie täglich. Ich bin kein Maschinenstürmer, kein Zivilisationspessimist, kein Internet-Hasser.

    Hoffend, dass wir uns auch in diesem Punkt finden
    Andreas Gossweiler

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