«Probierende und impulsive Schreibweise» im Internet

Mit Staunen und Entsetzen beobachteten wir diesen Sommer den Medienwirbel um den Twitterer @Dailytalk, der zuerst Fragwürdiges twitterte, dann abstritt, es getwittert zu haben, bevor er sich dafür entschuldigte und in der Folge dazu überging, sich für das Getwitterte zu rechtfertigen.

Die publizistischen und psychologischen Mechanismen des Schreibens im Internet hat Rainald Goetz schon 1999 in seinem Internet-Tagebuch «Abfall für alle» treffend formuliert und zusammengefasst – seine Beschreibung ist immer noch gültig und erhellend:

«Die spezielle Öffentlichkeitsform des Internet, die in einer fast gegenstandslosen, abstrakten Verfügbarkeit besteht, wo ein Text also mehr als Möglichkeit vorliegt, als in Gestalt eines realen Objekts, sich erst auf Anfrage eines Interesses realisiert also, wenn jemand die Adresse anwählt – kommt entgegen einer probierenden, tastenden, aber auch impulsiv explosiven, sich im Zweifelsfall am nächsten Tag korrigierenden, widerrufenden Äusserungsart und Schreibweise. Und zugleich wird bei alledem dennoch eine Form des Öffentlichen realisiert, also auch die Verbindlichkeit des publizierten Textes gesucht.»

Jeder der in diesem Abschnitt enthaltenen Gedanken liesse sich anhand des «Falls Dailytalk» mit konkreten Beispielen belegen – die Debatte um die Publikation des Tweets in Zeitungen, die impulsive Äusserungsart, das Dementi des Autors usw.

Rainald Goetz: «Abfall für alle. Roman eines Jahres», Suhrkamp Verlag 1999

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Journalist
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4 Antworten zu «Probierende und impulsive Schreibweise» im Internet

  1. Alexander schreibt:

    Anmerkung: Ich habe überhaupt nichts abgestritten. Woher haben Sie bloss diesen Unsinn? Es wird auch nicht wahrer, wenn es von Seiten der Presse immer und immer wieder behauptet wird! Ich stelle lediglich in Abrede zu einer Kristallnacht gegen Muslime aufgerufen zu haben. Entschuldigt habe ich mich bei jenen, die sich durch Tweets von mir verletzt gefühlt haben. Das beinhaltet sämtliche jemals von mir verfasste Tweets. Ich habe damit auf die Empörung reagiert, die mir ins Gesicht schlug. Man haute mir infolge des Kristallnacht-Vorwurfs ja mehrere Tweets um die Ohren und untstellte mir frauenfeindliche Sprüche geklopft zu haben. Mir ging diese Empörung sehr nahe, denn es war nie meine Absicht jemanden zu verletzen.

  2. agossweiler schreibt:

    Tages-Anzeiger, 26. Juni 2012: «Müller selber bestreitet, auf seinem Twitter-Konto den umstrittenen Satz verfasst zu haben.»
    Tages-Anzeiger, 27. Juni 2012: «Der Twitter-Eintrag ist echt: Dies sagt der Bieler Social-Media-Berater Mike Schwede, nachdem er im Twitter-Archiv das entsprechende Dokument gefunden hat.»

  3. Alexander Müller schreibt:

    Herr Gossweiler, das ist eine Aussage, die der Tagesanzeiger gemacht hat. Tatsache ist, dass ich mit Frau Michèle Binswanger, welche über mich beim Tagesanzeiger geschrieben hat, nie über diese Sache gesprochen habe. Das ist Fakt.

  4. agossweiler schreibt:

    Ich weiss. Der Artikel vom 26. Juni stammt von Stefan Hohler, nicht von Michèle Binswanger.

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