Buchdruck: Keine revolutionäre Zäsur

Für Lothar Müller ist klar: «Wir leben immer noch in der Epoche des Papiers.» Dies trotz aller Beschwörungen des «papierlosen Büros» und ad nauseam repetierter fader Witzchen über «totes Holz».

In einem einigermassen monumentalen Wälzer hat Lothar Müller, FAZ-Redaktor und Literaturwissenschafter, zusammengetragen, was die «Epoche des Papiers» ausmacht. Müllers wichtigstes Anliegen war dabei, die geläufige Fixierung auf «starre Oppositionen» (Buchzeitalter vs. Internet, Buchdruck vs. Handschrift) zu hinterfragen. Er erinnert daran, dass das Papier schon 200 Jahre vor Gutenbergs Erfindung existierte. Die Druckerpresse habe ihre «epochale Wirkung» nur entfalten können, «weil ihr das Papier als ökonomisch günstigerer, zugleich aber hochwertiger Schrift- und Bildträger zur Verfügung stand.» Die Umstellung von der Handschrift zum Buchdruck sei keine revolutionäre Zäsur gewesen, wie McLuhan-Leser glaubten, sondern in Tat und Wahrheit ein «längerfristiger Prozess». Statt eine Medienrevolution müsse man sich die Einführung des Buchdrucks eher als «breitgefächertes Übergangsfeld» vorstellen.

Lothar Müller schreibt, der Buchdruck sei bis in die Goethezeit ein «Produktionszweig für adlige und bürgerliche Eliten» gewesen. Der Buchdruck hat die Handschrift nicht auf einen Schlag überflüssig gemacht. Müller unterscheidet vier «Aggregatszustände» des Papiers: Gedruckt und gebunden (Buch), gedruckt und ungebunden (Flugblatt), gebunden und ungedruckt (Tagebuch), ungebunden und ungedruckt (Brief). Der Übergang zu gedruckten Medien sei nicht eindimensional: Generationen von Leserinnen und Lesern übten sich in der «Rückverwandlung von gedrucktem und gebundenem in ungedrucktes und häufig ungebundenes Papier» – mit anderen Worten: sie erstellten Exzerpte aus Büchern.

Lothar Müllers Buch «Weisse Magie – die Epoche des Papiers» ist voll von solchen sperrigen, aber faszinierenden Sätzen. Das Buch beginnt bei der Entwicklung der Papierherstellung, zuerst im Orient, dann in Südeuropa. Der Holzschnitt, der älter ist als der Buchdruck, habe Spielkarten als Massenprodukt hervorgebracht, bevor Gutenberg  bewegliche Metallbuchstaben erfand. Auch das zeigt für Lothar Müller, dass der Buchdruck falsch eingeordnet wird: Er habe «frühere Medienkoppelungen überschattet».

Das Papier hat sich nicht nur mit der Druckerpresse «verbündet», so der Autor, sondern auch mit dem Postwesen, und so weitere wichtige Neuerungen ermöglicht wie die Tageszeitungen und den «Aufstieg des Privatbriefs». Als Literaturwissenschaftler kombiniert Lothar Müller seine Geschichte des Papiers mit Verweisen auf spannende Autoren – zum Beispiel auf Samuel Richardson, «Portalfigur des Briefromans» oder auf Jean Paul, der im Alter lieber seine Exzerpte gelesen habe als Bücher anderer Autoren.

Weiter erkundet Lothar Müller die vielen Verbesserungen der Drucktechnik und der Papierfabrikation – bis zur Erfindung der Papierherstellung mit Zellulose statt der vorher verwendeten Lumpen. Damit sei Papier zum Massenprodukt geworden. Immer steht für den Autor die Erkenntnis im Zentrum, dass Erfindungen «keine punktuellen Ereignisse» seien, sondern sich über längere Zeiträume erstrecken können.

Auch die elektronischen Medien des 20. Jahrhunderts hätten Papier nicht auf einen Schlag überflüssig gemacht, schreibt Lothar Müller. Zwar hätten TV und Radio das Extrablatt als Medium der «breaking news» abgelöst. Aber es habe auch «Symbiosen» zwischen elektronischen und Papiermedien gegeben – zur Eisenbahn gehört das Kursbuch, zum Telefon das Telefonbuch, zum Fernsehen die Programmzeitschrift. Und eben: Auch alle Computer der Welt haben das Papier bisher nicht überflüssig gemacht. «Die Rückzugsbewegung aus einer breit aufgefächerten Hegemoniestellung», so Müllers Fazit, «lässt offen, sas in dem Übergangsfeld, in dem wir uns befinden, sonst noch geschieht». Und der Rückzug des Papiers müsse «nicht an jeder Stelle irreversibel sein.»

Lothar Müller: «Weisse Magie. Die Epoche des Papiers», Carl Hanser Verlag 2012

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