Vom Paradeplatz ins Niemandsland

Eigentlich finde ich es grossartig, wenn die Stadt nach all den Teddybären-, Kuh-, Bänkli- und Blumentopf-Exzessen endlich einen Sommer lang eine Attraktion bietet, die nicht nur infantile Geister freut. «Art and the City» bietet 42 Kunstwerke moderner Machart, die Schau wurde sorgfältig zusammengestellt und das Konzept ist niet- und nagelfest. Mich hat allerdings nicht die ganze Schau begeistert.

Einige Kunstwerke finde ich grossartig. Die überdimensionierten, aus Backsteinen gemauerten Werkzeuge, «Catedrales» genannt, des Künstlerkollektivs Los Carpinteros setzt das Thema Desindustrialisierung witzig und amüsant um. Der unter einer Bahnbrücke aufgehängte Windspiel-Cluster «Mojo» von Franziska Furter ist eine passende Antwort auf die Umgebung aus Stahl und Steinen. Das Baggerungetüm «Elisa» von Arcangelo Sassolino ist beeindruckend und beängstigend, es bewegt sich ziellos und scheint fast lebendig zu sein (es handelt sich nebenbei um das erste Kunstwerk, das mich beinahe erschlagen hätte. Dieses Ungetüm vollführt manchmal überraschende Bewegungen. Abstand halten ist eine gute Idee). Und die zerfallende «Tankstelle» aus Faserplatten von Michael Meier und Christoph Franz im Niemandsland beim Bahnhof Altstetten ist eines der stimmungsvollsten Objekte der Schau. Das populärste Werk sind sicher die beiden «Sofa in White» aus Marmor von Ai Weiwei auf dem Paradeplatz. Gut zu Zürich passt die überlebensgrosse Chromstahl-Gymnasiastin «Vanessa» von Alex Hanimann beim Steinfels-Areal. Glänzender kann ein Objekt nicht glänzen, aber was genau will uns der Künstler damit sagen? Das «House of Carpets» von Jürgen Drescher im Bankenviertel ist im Detail überraschend gefertigt (es besteht aus in Aluminium gegossenen Teppichen, die an ein Nomadenzelt erinnern).

Mit dem Rest kann ich weniger anfangen. Die «Liegende» von Hans Josephsohn ist zweifellos subtil gestaltet, aber sie muss nicht zwingend beim Bahnviadukt liegen, man könnte sie irgendwo hinstellen. Die aus Holzlatten gezimmerten Kameras von Taiyo Onorata und Nico Krebs sollen das «grassierende Überwachungsbedürfnis» kritisch umsetzen. Plakativer gehts kaum. Der fünf Meter hohe Wasserkessel von Subodh Gupta regt in mir nichts an. Der Eimer soll ein «sinnbildlicher Kommentar auf die Frage nach der Nachhaltigkeit von globalen Warenflüssen» darstellen. Die Idee ist für meinen Geschmack zu einfach. Mit den scheusslichen aus Lehm gekneteten «Hands & Feet III» von Thomas Houseago bei der Gessnerallee würde man vermutlich nicht mal eine Vorkursprüfung bestehen. Jänu. Die Schau ist so umfangreich, dass man sowieso nicht alle Objekte in einem Durchgang anschauen kann.

Fotos (6) / Fotomodell (1): Andreas Gossweiler

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