Hear the Whistle blowing

Laut der Sonntagszeitung soll er im Moment «bei iTunes der am häufigsten heruntergeladene Titel» sein: «Welcome Home». Die SBB haben den Song produziert, um ihr Image aufzupolieren in einer Zeit, in der die Bahn den Service abbaut und die Preise erhöht. Im Tages-Anzeiger hat Christoph Fellmann das Lied intelligent analysiert:

«Welcome Home besingt eine Einwegbahn, die immer nur nach Hause führt, aber nie davon weg… Die SBB verstehen sich nicht als ein Unternehmen, das seine Kunden in die Welt hinausträgt, das ihnen neue Orte und Menschen erschliesst. Sondern ausschliesslich als ein Rückführungsmedium nach Hause, zu Heim und Heimat. Mit anderen Worten, das Werbeliedchen stimmt in die Melodie ein, die das ganze Land seit einiger Zeit summt. Es ist die Schalmei der Selbstgenügsamkeit, die jetzt auch Englisch kann.»

Zwar ist die Bahn für einen grossen Teil der Benützer ein Transportmittel für den Weg zum Arbeitsplatz und zurück. Insofern bildet der Text des SBB-Songs schon einen Teil der Realität der Bahnbenützer ab. Aber eben, wie Christoph Fellmann schreibt, den biederen, selbstgenügsamen Teil. Der Mythos der Eisenbahn nährte sich aber immer viel mehr vom Aufbruch, vom Fernweh, vom Überschreiten von Grenzen. Hunderte von bewegenden Eisenbahnsongs haben dieses Thema umgesetzt. Hier ist eine subjektive Auswahl von Eisenbahnsong-Klassikern, von denen jeder tausendmal mehr Gefühl und Poesie transportiert als das läppische SBB-Liedchen:

1. Rolling Stones: All Down The Line (1971)
1971 verschanzten sich die Stones in einer feudalen Villa an der Côte d’Azur, um das Doppelalbum «Exile On Main Street» aufzunehmen. «All Down The Line» eröffnet die dritte Seite. In seiner Autobiografie «Life» beschreibt Keith Richards, wie der Song entstand. Richards ersann den Titel und das Gitarrenriff: «This is called „All Down The Line“, Mick. „I hear it coming, all down the line…“ off you go.» Die Musik ist euphorisierend wie «Brown Sugar», der Text greift das klassische Thema der Herzschmerz erzeugenden Lokomotivpfeife auf: «Hear the whistle blowing, hear it for a thousand miles.» Doch Mick Jagger hatte noch anderes im Sinn: «Won’t you be my baby for a while?»

2. Bob Dylan: It Takes  a Lot to Laugh, it Takes a Train to Cry (1965)
Auf dem Umschlag von «Highway 61 Revisited» trägt Bob Dylan ein Triumph-Motorcycles-T-Shirt. Aber in diesem Lied fährt er in einem «Mail Train». Der Text verströmt eine resignative Stimmung. Da reimt sich «Can’t buy a thrill» auf «I’ve been up all night baby, leanin‘ on the window sill.» Dylan präsentiert eine Abfolge von poetischen Bildern. Er schaut dem Tod ins Auge: «And if I don’t make it, you know my baby will.» Dann besingt er das Eisenbahnpersonal: «Don’t the brakeman look good, mama, flagging down the Double E?» Dylan-Fans zerbrechen sich den Kopf, was ein «Double E» ist: eine New Yorker U-Bahn-Linie, oder ein Zug mit zwei Dieselloks des E-Typs?

3. Junior Parker: «Mystery Train» (1953)
Die Originalaufnahme des Bluessängers Junior Parker ist eine gemütliche Bluesnummer. Elvis drehte drei Jahre später das Tempo ordentlich auf. Beide Male ist die Ankunft des «Mystery Train» mit Hoffnung verbunden, ist doch die geliebte Frau an Bord: «It’s bringing my baby ‚cos she’s mine all mine.» Der Text geht zurück auf einen Song der Carter Family aus den 30er Jahren. Schon dort heisst es: «The train arrived, sixteen coaches long, The girl I love is on that train and gone.»

4. Harry Nilsson: «Nobody Cares About The Railroads Anymore» (1969)
Mit gemütlicher Big-Band-Musik unterlegt, beschwört Harry Nilsson den Mythos des Reisens in den 40er Jahren, als man noch mit luxuriösen, eleganten Zügen durch den amerikanischen Kontinent reisen konnte: «When we got married back in 1944, we’d board that silver liner below Baltimore.» Kontrastiert wird die Erinnerung mit der bevorstehenden Heirat der Tochter des 1944 vermählten Paares: «And when they’re married they won’t need us anymore, they’ll board an aeroplane and fly away from Baltimore.»

5. Robert Johnson: «Love in Vain» (1937)
Der traurigste Eisenbahnsong, den ich kenne. Unser Sänger begleitet seine Angebetete zum Bahnhof. Ganz Gentleman, trägt er ihren Koffer. Als der Zug in den Bahnhof einfährt, schaut er ihr in die Augen, wobei ihm die Tränen kommen. Als der Zug den Bahnhof verlässt, und zwar ohne den Sänger, aber mit seiner Angebeteten an Bord, schaut er den Schlusslichtern nach. «The blue light was my baby and the red light was my mind.» Und in dieser Abschiedsszene am Bahnhof erkennt Robert Johnson die traurige Wirklichkeit: «All my love’s in vain.»

6. Crosby, Stills & Nash: «Marrakesh Express» (1968)
Ich war nie ein Fan von Graham Nash. Das Ex-Hollies-Mitglied verkörperte für mich immer den Soft-Popper, der verantwortlich war für Verbrechen auf Schallplatten wie «Fifi the Flea». Doch sein Reisebericht aus Marokko aus dem ersten CS&N-Album ist luftig und stimmungsvoll und charmant. Zwar ist es nicht besonders glaubwürdig, wenn ein Superstar singt: «I’ve been saving all my money just to take you there». Egal. Der Song macht einem Lust, auch mit dem Zug von Casablanca nach Marrakesch zu fahren, mit «ducks and pigs and chickens» an Bord.

7. Jimmie Rodgers: «Waiting for a Train» (1928)
Noch ein Eisenbahnsong, der Wellen von Hühnerhaut erzeugt. Die Person, die in Jimmie Rodgers‘ Lied auf den Zug wartet, ist kein wohlhabender SBB-Pendler, sondern ein Hobo, der einen Güterzug besteigen möchte, weil er keinen «Nickel» und «not a penny» hat, um ein Zugbillett zu kaufen. Einer der vielen Countrysongs, die nicht das lustige Landleben besingen, sondern die harte Realität der Menschen am Rand der Gesellschaft: «A thousand miles away from home, sleeping in the rain.» Ein Bähnler scheucht ihn weg mit den Worten: «Get off, get off, you railroad bum.»

Über agossweiler

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2 Antworten zu Hear the Whistle blowing

  1. Martin Hitz schreibt:

    Und dazu vielleicht noch der „Freight Train Blues“ von Fred McDowell aus dem Jahr 1959? (http://research.culturalequity.org/get-audio-detailed-recording.do?recordingId=4417)

    Auf http://culturalequity.org/ , dem Archiv von Alan Lomax, gibt’s übrigens viele, viele tolle Sachen from the old days zu entdecken.

  2. agossweiler schreibt:

    Danke Martin für den Hinweis. Den «Freight Train Blues» kannte ich noch nicht. Das ist auch ein bewegender Hobo-Song. Den Text habe ich bei Youtube nachgeschaut: «I asked the conductor to let me ride it blind. Lord, he shook his head, said, „The train ain’t none of mine“» usw.

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