Walliser Suonen (Teil 15): Raspille

Die Raspille bildet die Sprachgrenze zwischen dem Unter- und dem Oberwallis: Östlich davon heissen die alten Bewässerungskanäle Suonen, westlich davon Bisses. Gespiesen wird der Fluss vom Schmelzwasser des Plaine-Morte-Gletschers und von Zuflüssen wie dem Bergbach Pauja. Auf beiden Seiten der Raspille sowie der Pauja zweigen kürzere und längere Kanäle ab. Die obersten beginnen über der Baumgrenze. Weil das kostbare Nass im Sommer nur spärlich fliesst, gab es – wie überall im Wallis – immer wieder Streit um die Wasserrechte. Bereits im Jahr 1490 musste der Bischof Jost von Silenen den Streit schlichten. Er entschied, dass die Gemeinden Varen, Salgesch und Miège je einen Viertel des Raspille-Wassers auf ihre Wiesen, Felder und Rebberge ableiten dürfen, und die anderen Dörfer der Region Sierre den Rest teilen müssen.

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Bisse de Tsittoret

Der oberste Kanal auf der rechten Seite der Raspille ist die Bisse de Tsittoret. Sie wird auf fast 2000 Metern gefasst, früher noch etwas höher. Die Bisse de Tsittoret fliesst rund acht Kilometer weit bis nach Montana. Über mehrere Verzweigungen fliesst ihr Wasser bis nach Mollens und Veyras. Die bekannteste davon, die sogenannte Bisse de Clavies, bildet einen weithin sichtbaren Wasserfall. Mit der Seilbahn Sierre – Montana ist die Bisse de Tsittoret gut erreichbar, sie wird wird von einem Wanderweg begleitet, das Panorama ist fantastisch. Weiter unten zweigt die 4,5 Kilometer lange Bisse de Planige von der Raspille ab, auch Bénou genannt (was im Walliser Patois Bisse Neuf bedeutet). Sie fliesst oberhalb des idyllischen Maiensässes Planige bis nach Venthône. Auch entlang der Bisse de Planige kann man eine schöne Wanderung machen.

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Hochalpine Leitung: Die Tschajetu auf der Varneralp

Ein wichtiger Zufluss der Raspille ist die Pauja, ein Bergbach, der auf einem wunderschönen, von Tourismus und Landwirtschaft unberührten Hochplateau beginnt, dem sogenannten Murmiltangil auf rund 2300 Metern Höhe. Beim Murmiltangil wird die Tschajetu abgeleitet, eine fünf Kilometer lange Leitung, die die Varneralp bewässert. Mit dem öffentlichen Verkehr ist die Tschajetu unerreichbar, mit dem Auto kann man bis auf etwa 1600 Meter hoch fahren und von dort zu Fuss zur Varneralp hochsteigen. Varneralp (und Varen) spricht man übrigens mit einem Vogel-V aus, nicht mit einem W. Frei nach Karl Valentin ist das nur logisch, denn es käme ja niemandem in den Sinn, «Wogel» zu sagen.

Zwischen 1100 und 1500 Metern zweigt in kurzen Abständen eine Reihe kürzerer Leitungen von der Pauja ab – von oben nach unten die Bisse de Tsintre, Bisse de Clos-Merlo, Bisse de Was, Bisse de Claut, Bisse des Sans und Bisse de Proprija. Sie bewässern die Wiesen rund um den Weiler Cordona. Das Wasser dieser Leitungen wird heute kaum noch landwirtschaftlich genutzt. Glücklicherweise sorgen fleissige Suonenfreunde aus der Region dafür, dass in einigen Leitungen dennoch weiterhin Wasser sprudelt. Die Bisses von Cordona verlaufen auffällig steil, weshalb die Wasserhüter früher viele Höhenmeter zurücklegen mussten, um die Kanäle zu überwachen und zu reparieren.

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Holzkännel an der Mengis-Wasserleite

Die Bisse de Proprija kreuzt zwei parallele Kanäle – die Grossi Wasserleite und die Mengis-Wasserleite. Sie verlaufen seit vielen Jahrhunderten fadengerade durch die karge Steppenlandschaft der sogenannten Blatte. Das Gebiet bekam seine Form nach einem gigantischen Bergsturz. Weitherum sieht man die grünen, parallelen Linien, welche die beiden Wasserleiten in die sonst kaum bewachsene Blatte zeichnen.

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Fotogalerie: Auf Thumbnails klicken, um die Fotos zu vergrössern

Fotos: Andreas Gossweiler

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Plan der Leitungen bei Cordona
Zeichnung: Philipp Kupper

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Über agossweiler

Journalist
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