Der letzte Sander der Oberriederi

Sander.jpg

Illustration von Erica von Kager aus der Originalausgabe (1927)

Die Oberriederi war eine der ältesten Walliser Wasserleitungen: Dokumente aus dem 14. Jahrhundert bestätigen ihre Existenz. Sie führte Wasser auf die Wiesen von Oberried, einer Alpsiedlung zwischen Brig und der Riederalp. Mit elf Kilometern war sie auch eine der längsten Leitungen. Und sie führte durch steiles, schwer zugängliches Gebiet. All das trug dazu bei, dass die Oberriederi schon im 16. Jahrhundert aufgegeben wurde. Der Unterhalt war enorm aufwendig und gefährlich. Catherine Bürcher-Cathrein, Leiterin des Hotels Riederalp und Schriftstellerin, liess sich von der Oberriederi zu einem Roman inspirieren: dem 1927 erschienen Buch «Der letzte Sander».

Geschickt verwob Bürcher-Cathrein verschiedene Handlungsstränge – der fürs Wallis typische Streit ums knappe Wasser, eine Liebesgeschichte und einen Mord. Im Zentrum des Romans steht der Konflikt zwischen zwei jungen Männern: Jenno aus Ried, der «letzte Sander», hält die Oberriederi praktisch im Alleingang in Schuss. Sein Gegenspieler ist Josi aus dem Nachbardorf Greich. Er gräbt den Riedern nicht nur das Wasser ab, sondern will auch dem guten Jenno seine Freundin Anna ausspannen. Der Konflikt eskaliert, als Jenno Josi auf frischer Tat ertappt und in Notwehr umbringt. In der Folge schmort Jenno im Knast, bis ihn der Walliser Bischof in letzter Minute begnadigt. Die Geschichte hat aber kein happy end. Denn als Jenno wieder seiner angestammten Arbeit nachgeht, stürzt er zusammen mit Anna, die inzwischen seine Ehefrau ist, in den Tod.

Heute ist «Der letzte Sander» nur noch antiquarisch erhältlich. Die Geschichte liest sich spannend, wirkt aber stellenweise sehr moralisierend. Fast jede Episode des Romans ist ein Kampf der «Guten» gegen die «Bösen», verdichtet im Konflikt zwischen Jenno und Josi. Die Sympathien der Autorin gelten immer Jenno. Sie charakterisiert ihn zwar als jähzornig, aber er auch als mutig und fair. Daran ändert wenig, dass der Bischof entscheidet, dass das Quellwasser nicht allein den Riedern gehört, sondern zur Hälfte auch den Bauern aus Greich.

Klar, dass sich der Stoff bestens eignet als populäres Theaterstück. Eine Gruppe um den Riederalper Gemeindepräsidenten organisiert diesen Sommer das Freilichtspiel «Der letzte Sander von Oberried» nach Bücher-Cathreins Roman auf der Riederalp. Die Oberriederi bleibt für immer trocken, aber das melodramatische Theaterstück wird beim Publikum garantiert für feuchte Augen sorgen.

«Der letzte Sander von Oberried», 11. Juli bis 18. August 2018, Riederalp

 

 

Advertisements

Über agossweiler

Journalist
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Literatur, Suonen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s