Der letzte Sander der Oberriederi

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Illustration von Erica von Kager aus der Originalausgabe (1927)

Die Oberriederi war eine der ältesten Walliser Wasserleitungen: Sie ist in Dokumenten aus dem 14. Jahrhundert erwähnt. Die Oberriederi brachte Wasser auf die Wiesen von Oberried, einer Alpsiedlung zwischen Brig und der Riederalp. Mit elf Kilometern war sie eine der längsten Leitungen. Und sie führte durch steiles, schwer zugängliches Gebiet. All das trug dazu bei, dass die Oberriederi schon im 16. Jahrhundert aufgegeben wurde. Der Unterhalt war enorm aufwendig und gefährlich. Catherine Bürcher-Cathrein, Leiterin des Hotels Riederalp und Schriftstellerin, hat dieser sagenumwobenen Leitung ein literarisches Denkmal gesetzt – mit dem 1927 erschienen Buch «Der letzte Sander». Seit den 1970er Jahren war der Roman vergriffen. Jetzt haben ihn drei Enkel der Schriftstellerin wieder neu herausgebracht – angereichert mit anderen, noch nie veröffentlichten Texten und einer biografischen Skizze.

Das Buch macht klar: Catherine Bürcher-Cathrein war eine aussergewöhnliche Frau. Als sie 16 Jahre alt war, übergab ihr Vater ihr die Leitung des Hotels Riederalp. Eine formidable Aufgabe, der die junge Frau gewachsen war – sie führte das Hotel während 65 Jahren, zog gleichzeitig drei Kinder auf und schrieb daneben erst noch Romane. Ihr Vater war der Hotelier Emil Cathrein, dem neben dem Hotel Riederalp auch das Hotel Jungfrau auf der Fiescheralp sowie einige andere Betriebe gehörten.

Im «letzten Sander» thematisiert Catherine Bürcher-Cathrein auf unterhaltsame Art ein grosses Walliser Thema – der Kampf ums knappe Wasser. Gewürzt hat sie ihre Story mit viel Leidenschaft, einer Liebesgeschichte und einem Mord. Im Zentrum des Romans steht der Konflikt zwischen zwei jungen Männern: Jenno aus Ried, der «letzte Sander», hält die Oberriederi praktisch im Alleingang in Schuss. Sein Gegenspieler ist Josi aus dem Nachbardorf Greich. Er gräbt den Riedern nicht nur das Wasser ab, sondern will dem guten Jenno auch seine Freundin Anna ausspannen. Das geht natürlich nicht. Der Konflikt eskaliert, als Jenno Josi auf frischer Tat ertappt und in Notwehr umbringt. In der Folge schmort Jenno im Knast, bis ihn der Walliser Bischof in letzter Minute begnadigt. Die Geschichte hat aber kein Happy End. Denn als Jenno wieder an seiner Suone arbeitet, stürzt er zusammen mit Anna, die inzwischen seine Ehefrau ist, in den Tod.

Die Geschichte liest sich spannend, wirkt aber stellenweise moralisierend. Fast jede Episode des Romans ist ein Kampf der «Guten» gegen die «Bösen», verdichtet im Konflikt zwischen Jenno und Josi. Die Sympathien der Autorin gelten immer Jenno. Sie charakterisiert ihn zwar als jähzornig, aber er auch als mutig und fair. Daran ändert wenig, dass der Bischof entscheidet, dass das Quellwasser nicht allein den Riedern zusteht, sondern zur Hälfte auch den Bauern aus Greich.

Klar, dass sich der Stoff bestens eignet als populäres Theaterstück. Eine Gruppe um den Riederalper Gemeindepräsidenten organisiert diesen Sommer auf der Riederalp das Freilichtspiel «Der letzte Sander von Oberried» nach Bücher-Cathreins Roman auf der Riederalp. Die Oberriederi bleibt für immer trocken, aber das Theaterstück wird beim Publikum garantiert für feuchte Augen sorgen.

Catherine Bürcher-Cathrein: «Der letzte Sander von Oberried», herausgegeben von Diether Demont, Nikolaus Demont und Verena Demont-Ernst, Rotten Verlag 2018

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