Wildwestbahnhof abgebrochen

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Die 1875 eröffnete Bözbergbahn ist die kürzeste Linie von Zürich nach Basel. Der Bau der Linie war aufwendig: Sie überquert die Aare auf einer 235 Meter langen Brücke und durchquert den Jura in einem 2,5 Kilometer langen Tunnel. Auf beiden Seiten des Tunnels erstellte die Bözbergbahn je einen Bahnhof, beide weitab von Siedlungen. Weil die Nordostbahn eine Finanzkrise durchlebte und sparen musste, baute sie nur provisorische «Güterstationsgebäude» oder «Stationsgebäude V.ter Classe» aus Holz. Diese enthielten alle nötigen Räume für einen kleinen Landbahnhof – Schalter, Güterschuppen und Wohnung für den Bahnhofvorstand – unter einem Dach. Ähnlich spartanisch waren viele Stationen im Westen der USA ausgestattet – als es darum ging, grosse Flächen mit geringen Kosten zu erschliessen. Der Entwurf stammte vom NOB-Chefarchitekten Heinrich Gmelin.

Vom Provisorium zum Providurium: Die meisten Holzbahnhöfe der Bözbergbahn haben sich bis heute in nur leicht veränderter Form erhalten. Der lokale Verkehr der Bahnhöfe war vermutlich an den meisten Orten zu gering, um einen Neubau zu rechtfertigen. Dies gilt besonders für den Bahnhof Schinznach-Dorf. Er lag rund zwei Kilometer entfernt von Schinznach und fast hundert Meter höher. Seit zwanzig Jahren halten hier keine Personenzüge mehr. Doch der Bahnhof lag landschaftlich attraktiv: Beim Tunnelausgang vollführt die Linie eine sanfte Linkskurve, der Blick schweift übers Aaretal bis zur Burgruine Habsburg und nach Brugg.

Im Winter 2018 wurde der Bahnhof Schinznach-Dorf abgebrochen. Er stand dem neuen Bözbergtunnel im Weg. Das ist schade. Der Bahnhof war solide gebaut, die Vordächer zeigten schönste Zimmermannskunst im Stil des 19. Jahrhunderts – oder wie Fachleute sagen: eine «Zangenkonstruktion mit Bügen und Flugpfetten» (Inventar der Aargauer Denkmalpflege). Zwar hatten die SBB den Bahnhof im Lauf der Zeit modernisiert und dabei das Erscheinungsbild verändert. So verschwanden die Laubsäge-Ornamente an den Dachkanten und auch die schönen dreiteiligen Giebelfenster wurde ersetzt durch je ein breites, rechteckiges Fenster. Auf der Gleisseite wurden Dachgauben eingebaut.

Kleiner Trost: Auch wenn der Bahnhof Schinznach-Dorf weg ist, bleiben einige Holzbahnhöfe der Bözberglinie erhalten – in Effingen, Hornussen, Eiken und Möhlin. Auch in Buchs ZH und in Winterthur-Wülflingen stehen noch identische «Güterstationsgebäude», in Wülflingen sind sogar die ursprünglichen Giebelfenster noch vorhanden.

 

Fotos: Andreas Gossweiler

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