Balduins böhmischer Garten

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1967 war das kreativste, verrückteste Jahr der Popgeschichte. Das war vor genau 50 Jahren. Beim Berner Musiker Balduin ist jeden Tag 1967. Auch seine neueste LP «Bohemian Garden» klingt zu grossen Teilen wie die bunten Sounds aus dem annus mirabilis. Sphärische, entrückte mehrstimmige Gesänge, treibende Basslinien, schwelgendes Mellotron, folkige Gitarren, versponnene Keyboardakkorde und flirrende Sitarklänge erinnern an die euphorische Zeit, als plötzlich alles möglich schien und die Fantasie für kurze Zeit die Macht übernahm. Doch Balduin ist kein Nostalgiker. Sein musikalisches Spektrum ist nicht auf ein Jahr beschränkt, sondern reicht von barocker Cembalomusik bis zu Techno (seine ersten Platten hatte er beim Technolabel «Crippled Dick Hot Wax» veröffentlicht). Er nimmt sich die Freiheit, im gleichen Stück Vibraphon und Synthesizer zu verwenden oder Streicher und Drumbox. Bei aller Retro-Ästhetik ist seine Musik immer in der Gegenwart verankert. Dazu trägt auch die topmoderne Optik seiner Plattencovers bei, die vom Berner Büro Destruct stammen.

Balduin ist ein Phänomen – als One-Man-Band spielt er jeden Ton selbst ein, schreibt die Stücke selbst und produziert seine Platten selbst. Seit 1988 zieht er sein Ding durch – mal mit mehr Barock-Einschlag, mal mit mehr Techno-Rhythmen, seit einiger Zeit wieder mit starkem Bezug auf die schillernde Musikszene von 1967. Mal erinnert das an die jugendliche Euphorie von Billy Nicholls, The Left Banke oder auch sekundenweise an die Beatles, mal an Filmmusik von Nino Rota (und ehrlich gesagt erinnert mich die Musik stellenweise auch an die, die ich vor Jahren selbst gemacht habe). Balduin hat genügend kreativen Schnauf, um auch einen abendfüllenden Film zu vertonen, wie er das meisterhaft beim Film «Electroboy» gemacht hat. «Bohemian Garden» hat als LP keine Durchhänger, der Spannungsbogen reicht ungebrochen vom Titelstück bis zum letzten Track «Rondo Vampyros», einer Mischung aus Barockmusik und Valse-Musette im 6/8-Takt. Und dazwischen hat Balduin zwei geschmackvoll gewählte Coverversionen eingebaut – «St John’s Shop» von der US-Garagenband «We The People» und «Madrigal» von Barry & Paul Ryan, die bestens zu seinen eigenen Stücken passen. Vom träumerischen Instrumentalstück «Cap Fréhel» kann man sich in die wilde Szenerie der bretonischen Küste versetzen lassen. Kurz: Eine von Balduins besten Platten.

«Bohemian Garden», Sunstone Records 2017, erhältlich als LP oder Download hier

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