Eine Generation der Egoist/innen?

Seit Tagen räsonnieren Kommentatoren in den Medien, warum immer mehr Jugendliche nicht mehr abstimmen. Nur 17 Prozent der unter 30-Jährigen beteiligten sich bei der Initiative gegen die Masseneinwanderung. Bei der Minarett-Initiative gingen auch nur 25 Prozent an die Urnen, beim Passivrauchschutz sogar nur 9 Prozent. Es bringt nichts, wenn die Alten die Jungen pauschal tadeln, aber Nachdenken über diese erschreckend tiefen Zahlen ist wichtig.

Erhellend ist die Analyse des Kulturjournalisten Christoph Fellmann im Tages-Anzeiger. «Wer schweigt, ist einverstanden», stellt er fest. Und er zitiert eine Jugendkulturforscherin: «Junge Menschen sind vor allem dann bereit, sich zu engagieren, wenn sie aus ihrem Engagement einen konkreten persönlichen Nutzen ziehen können.» Also Ja zu Partys rund um die Uhr oder gegen höhere Studiengebühren. Eine Generation der Egoist/innen? Fragt sich, wie es dazu kam. Hier bewegt man sich im Gebiet der Spekulationen.

Eine Studie passt zu diesem Befund, die zeigte, dass amerikanische Jugendliche immer weniger Empathie für andere Menschen zeigen. Aber auch diese Studie kann die Gründe für diese Entwicklung nicht benennen.

Die demokratische Meinungsbildung ist nicht möglich ohne fundierte Informationen. Und hier fällt auf, dass die politischen Informationen in den Zeitungen immer dünner und schaler werden, zugunsten von Unterhaltungsangeboten und grossen, bunten Bildern. Gleichzeitig sagen immer mehr Jugendliche, dass sie gar nicht mehr Zeitung lesen, oder wenn, dann nur seichte Pendlerblätter, die mit Crime und Klatsch aufmachen und die politische Information vernachlässigen. Oft ist zu hören, die Jugendlichen hätten «keine Zeit», um sich fundiert zu informieren. Das ist natürlich eine Ausrede. Man hat nie Zeit, sondern man setzt Prioritäten.

Es wäre gewagt, zu behaupten, die Jugendlichen würden nicht mehr abstimmen, weil sie keine Zeitungen mehr lesen. Aber es ist auch nicht abwegig, sich zu überlegen, ob zwischen diesen Phänomenen – dem Abbau der politischen Information, der Zeitungsabstinenz und der Abstimmungsabstinenz – ein Zusammenhang bestehen könnte.

Wenig plausibel erscheint mir die Analyse von Anton Schaller, der vorschlug, das elektronische Abstimmen voranzutreiben, weil die Jugendlichen nicht mehr bereit seien, auf ein Blatt Papier Ja oder Nein zu schreiben. Denn wer nicht bereit ist, sich zu informieren, für den spielt es keine Rolle, ob er elektronisch oder auf Papier abstimmen soll.

Noch weniger plausibel ist die These des Social-Media-Lobbyisten Philippe Wampfler. Er schwadroniert in seinem Blog: «Das Selbstverständnis dessen, was jemand wissen muss, um als informiert zu gelten, hat sich aufgelöst.» Das klingt fortschrittlich, ist aber nur sinnleerer Quatsch. Richtig ist: Auch im Social-Media-Zeitalter braucht man genau die gleichen Informationen wie früher, um bei einem Thema Bescheid zu wissen. Man braucht Informationen über das Thema, und man muss wissen, was Politikerinnen und Experten dazu sagen. Wampfler übernimmt kritiklos den Diskurs der Infotainment-Verwöhnten: «Ihre Frustration resultiert meist daraus, dass es anstrengend und aufwändig ist, sich zu informieren.»  Aus diesem Diskurs spricht die Wohlstandsverwahrlosung von Kids, die sich rund um die Uhr mit Unterhaltungsangeboten berieseln lassen. Ob das auf die Mehrheit der Jugendlichen zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Aber falls das zumindest teilweise so sein sollte, ist hier ein Erklärungsansatz zu finden. Dann wäre es die Aufgabe der Schulen, den Jugendlichen zu vermitteln, dass politisches Denken nicht nur anstrengend ist, sondern auch Spass machen kann.

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