Walliser Suonen (Teil 6): Jolital

Wer glaubt, Suonen seien immer flach und bequem begehbar, wird im Jolital eines besseren belehrt. Die Wasserleitungen in diesem steilen, zerklüfteten Gebiet sind alles andere als leicht zugänglich. Immer mal wieder schiessen sie ein steiles Couloir hinunter, so dass kräftezehrendes Auf- und Absteigen nötig ist, wenn man diese Suonen kennen lernen möchte. Aber es lohnt sich. Diese Region enthält einige der spannendsten Walliser Wasserleitungen. Allerdings muss man trittfest und schwindelfrei sein, um sich hier zu bewegen.

Der Jolibach wird gespiesen vom Schmelzwasser des Joligletschers. Die Bauern von Hohtenn, Steg, Niedergesteln und Raron trieben einen grossen Aufwand, um dieses kostbare Wasser auf ihre Wiesen zu leiten. So ist auf kleinem Raum ein dichtes Netz von Wasserleitungen entstanden, die hier nicht Suone genannt werden, sondern Süe.

Die Stägeru-Suone beginnt in einem Tunnel

Die Stägeru-Suone beginnt in einem Tunnel

Im untersten Teil grub der Jolibach eine enge Schlucht in die Felsen. Genau in dieser wilden Schlucht zapften die Hohtenner den Jolibach an. So entstanden die beiden untersten Suonen des Jolitals – die Lüegjeru und die Stägeru, die in geringem Abstand parallel angelegt wurden. Die zungenbrecherischen Namen dieser Wasserleitungen lassen sich leicht erklären: die Lüegjeru fliesst durch das frühere Dorf Lüegju, und die Stägeru bewässert die steilen Hänge oberhalb von Steg. Diese beiden Suonen sind die einzigen im Jolital, die flach verlaufen und die man begehen kann ohne Schweissausbrüche. Spannend ist die Hängebrücke in der Jolischlucht oberhalb der Fassung der Stägeru. Sehr empfehlenswert.

Luftige Wanderung entlang der Ladu-Süe

Luftige Wanderung entlang der Ladu-Süe

Weiter oben im Jolital wirds ungemütlich. Die Wanderung entlang der Ladu-Süe und der Tatz-Giesch-Süe gehört zu den spannendsten Suonenwanderungen. Die Ladu-Süe bringt Wasser zur Alpsiedlung Ladu, die auf 1354 Metern hoch über Hohtenn liegt. Die Fassung dieser Suone liegt viel weiter oben, auf 1900 Metern. Dazwischen stürzt das Wasser der Ladu-Süe 250 Meter tief den Treichigraben hinab. Besonders sehenswert sind die «Ladu-Süe-Chänja»: Weit oben, wenige hundert Meter unterhalb der Fassung, fliesst die Suone durch ausgehöhlte Baumstämme, die an einer senkrechten Felswand aufgehängt sind. Der «Weg» führt an dieser Stelle über schmale Bretter, man kann sich an einem Stahlseil festhalten. Eine luftige, interessante Erfahrung. Nur für Schwindelfreie geeignet. Auch die Tatz-Giesch-Süe ist kein Sonntagsspaziergang. Sie fliesst idyllisch durch die Joli-Alp, aber einen halben Kilometer weiter unten, vor dem Couloir des Seebachs, ist fertig lustig: Hier fliesst das Wasser über eine steile Felswand. Einen Weg gibt es hier nicht, dafür eine eiserne Kette, die über dem Abgrund baumelt, und an der man sich festhalten kann, wenn man Lust hat, über die Felswand zu kraxeln. Ich hatte keine Lust und kehrte um.

Luftige Stelle an der Brägjeri

Luftige Stelle an der Brägjeri

Die haarsträubendste Suone ist jedoch die Brägjeri. Diese Suone verzweigt sich oberhalb des Blasbodetunnels der Lötschbergbahn: die eine Hälfte des Wassers fliesst flach durch den Thelwald und heisst folgerichtig Thel-Süe. Die andere Hälfte fliesst über eine Krete zum Weiler Brägji. Zur Thel-Süe gelangt man über eine Zickzackstrasse, die vom Weiler Rarnerchumma aufsteigt. Obwohl flach angelegt, ist die Thel-Süe alles andere als angenehm zu begehen. Im steilen, rutschigen Gebiet fliesst diese Suone teilweise durch Metallröhren, über die man mangels Weg balancieren kann. Hinter der Verzweigung wurde die Suone schön restauriert mit Holzkanälen und Brettern, über die man wandern kann. Allerdings nicht weit. Denn nach etwa 300 Metern durchquert die Brägjeri ein grauenhaftes, steil abfallendes, glattgeschliffenes Felscouloir, die Grossi Lyka. Hier gibt es keinen Weg, sondern nur ein schräges, schmales Betonband. Der Gedanke, durch das Couloir herunter zu purzeln, bewog mich zum Umkehren.

Jolital

Fotos: Andreas Gossweiler

Über agossweiler

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