Die «Gratiszeitung-Generation»

Vor sechs Wochen verkündete sie, sie werde drüber bloggen. Jetzt hat sie es getan. Mein Blogtext «Warum man eine Zeitung braucht» veranlasste die Jungpolitikerin Tania Woodhatch zur Replik «Warum ich keine Tageszeitung abonniere». Das finde ich grossartig. Der Blogbeitrag von Tania Woodhatch enthält jedoch einige Missverständnisse und falsche Aussagen.

Tania Woodhatch (Jahrgang 1980) schreibt: «Ich gehöre zur Gratiszeitung-Generation.» Falls das stimmt, also falls tatsächlich eine ganze Generation von thirty-somethings nur noch Gratiszeitungen liest, finde ich das höchst bedenklich. Eine ganze Generation, die bald die Fäden zieht, ist demnach katastrophal unterversorgt mit fundierten politischen Informationen. Das bedeutet für den Entscheidungsbildungsprozess: Ahnungen werden wichtiger als Wissen, Emotionen wichtiger als Fakten, Gerüchte wichtiger als Informationen. Wenn ich mir ausdenke, welche Folgen dies für die Zukunft des Staates haben könnte, sehe ich rabenschwarz.

Tania Woodhatch schreibt: «Die Tageszeitungen haben in meinen Augen sehr viele Nachteile: (1) unhandliches, grosses Format, (2) viel zu umfangreich, (3) Kosten, (4) Umweltgedanken, (5) Keine Interaktion möglich.» Das Argument mit dem «unhandlichen Format» (1) halte ich für eine Ausrede. Es bereitet auch schmächtigen Personen keinen grossen Kräfteaufwand, eine Tageszeitung zu halten. Weiter soll eine Zeitung «zu umfangreich» sein (2). Hier liegt ein Missverständnis vor: Natürlich muss niemand jeden Text, den eine Zeitung bietet, von Anfang bis zum Ende lesen. Ich lese vielleicht 10 bis 20 Prozent davon. Der Clou einer Zeitung ist, dass sie viel Lesestoff beinhaltet, wobei einen vielleicht nicht jeder Text gleich stark interessiert, aber alle haben so die Chance, etwas Neues kennen zu lernen. Die Kosten (3): Ein Zeitungsabo kostet zwischen 200 und 400 Franken. Rund ein Stutz pro Tag. Viel weniger als ein Abo für den Internetzugang auf dem neusten Eiphone. So viel (respektive so wenig) Geld sollte einem die fundierte Information wert sein – vor allem als Politikerin. Der «Umweltgedanke» (4) ist fehl am Platz. Herstellung und Konsum einer Zeitung verbrauchen viel weniger Energie als der Kauf und die Benützung eines Computers. «Keine Interaktion möglich» (5): Man kann mit Redaktionen per Leserbrief, Email, Telefon, Twitter, Facebook, Blogs usw in Kontakt treten.

Weiter im Text. Tania Woodhatch schreibt: «Ich weiss nicht, wie lange jemand liest, der eine Tageszeitung gründlich liest. Ich stelle mir vor, dass man mindestens eine Stunde braucht, um ungefähr zu wissen, was da alles steht.» Auch das stimmt nicht. Ich brauche zwischen 20 und 40 Minuten. Wenn mich längere Texte besonders interessieren, brauche ich länger, was aber nicht jeden Tag vorkommt.

Dann folgt ein weiteres Missverständnis: «Am Abend die Tageszeitung mit Infos vom Vortag zu lesen, wenn es die Tagesschau, 10vor10 sowie Nachrichtenportale, Twitter und Blogs gibt, finde ich ineffizient und unlogisch.» Wie wenn eine Tageszeitung nur aus «Infos vom Vortag» bestehen würde. Es ist schon fast bösartig und komplett falsch, so etwas zu behaupten. Wer eine Zeitung anschaut, stellt bald fest, dass der Reichtum und der Wert der Zeitung darin besteht, dass sie nicht nur Nachrichten vermeldet, sondern der Leserin und dem Leser dazu verhilft, die News zu verstehen und sie einzuordnen. Zu diesem Zweck bietet eine gute Zeitung Analysen, Hintergrundberichte, Interviews, Kommentare und vieles mehr.

Dann deutet Tania Woodhatch an, dass Twitter die Lektüre einer Tageszeitung ersetzen könnte: «Ich wage zu behaupten, dass unter den rund 850 Personen, denen ich folge, sehr viele sehr belesene, interessierte und gebildete Personen mit differenzierten Meinungen sind. Durch sie wurde ich schon auf viele Artikel oder Diskussionen aufmerksam, die ich sonst verpasst hätte.» Wenn man sich darauf verlässt, was einem andere Leserinnen und Leser vorkauen, die sich die Mühe gemacht haben, eine Zeitung zu lesen, bezieht man seine Informationen aus zweiter Hand. Man hat nicht mehr die Möglichkeit, selber zu entscheiden, was man in der Zeitung lesen will.

Der nächste Satz stimmt ebenfalls hinten und vorne nicht: «Was dem Zeitungsleser fehlt: Die Volksstimme. Die wenigen Leserbriefe werden kaum ein ähnlich lebhaftes und unzensuriertes Bild liefern wie Kommentare auf Twitter oder in Nachrichtenportalen.» Tania Woodhatch macht damit den Redaktionen den indirekten Vorwurf, sie würden die «Volksstimme» zensuriert wiedergeben. Als ehemaliger Leserbriefredaktor muss ich das zurückweisen. Richtig ist: Redaktionen sind froh um jeden Input – nichts wird unter den Tisch gewischt, nur weil es mit der eigenen Ansicht nicht übereinstimmt. Zudem sind die Kommentare auf Nachrichtenportalen oft so albern und unanständig formuliert, dass man sich den Eingriff eines Redaktors sehnlich wünscht. Twitter ist eine grossartige Sache – aber auch hier gilt: das eine tun und das andere nicht lassen. Twitter ist kein Argument, um auf ein Zeitungsabo zu verzichten.

Noch ein Pseudoargument: «Man glaubt zwar, wahnsinnig viel zu wissen und zu lesen – aber wieviel davon einen Tag, eine Woche oder einen Monat später noch im Gedächtnis vorhanden ist, frage ich mich ernsthaft.» Man muss auch nicht alles im Gedächtnis behalten. Aber wenn das Gedächtnis nicht den Charakter eines Siebs hat, bleibt die eine oder andere Information haften. Falls nicht, kann man im elektronischen Archiv nachschauen.

Über agossweiler

Journalist
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6 Antworten zu Die «Gratiszeitung-Generation»

  1. Rittiner Gomez schreibt:

    so einen text findet man kaum in einer zeitung…
    wir sind ja abonnenten zweier tageszeitungen, wobei wir die eine nur noch in online lesen und gar nicht mehr in papierform erhalten.
    die sache mit der papierflut hat ja schon was für sich, den einen pc und internetzugang ist ja heute tatsächlich wichtiger als eine tageszeitung.
    uns begeistert an der zeitung aber auch das sinnliche moment.
    einen espresso und eine zeitung und wir sind glücklich

  2. Tania Woodhatch schreibt:

    Lieber Herr Gossweiler, gerne nehme ich kurz Stellung. Zur Gratiszeitung-Generation. Ich bin 31. Wenn ich mich in meinem (gleichaltrigen) Umfeld umschaue, ist es tatsächlich so, dass fast niemand eine Tageszeitung abonniert hat (notabene sind davon nicht Wenige mit Matur- und Uniabschlüssen). Wenn Sie glauben, dass ich in meinem Alter zu einer Minderheit gehöre, dürfen Sie gerne weiter daran glauben. Die aktuellen Statistiken – und ein Blick in die Pendlerzüge – müssten jedoch eher mir Recht geben. Betreffend Volksstimme: Sind wir doch ehrlich: Wer nimmt sich heute noch die Mühe, einen Leserbrief zu schreiben? Natürlich gibt es diese Personen, und das finde ich auch toll. Aber ist das „die Volksstimme“? Ich wage zu behaupten, das ist ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung. Es ist nicht eine kleine Hürde, sich die Mühe zu machen, etwas einzuschicken und nicht zu wissen, ob es dann auch gedruckt wird. Ich finde tatsächlich, dass die Klientel, die Leserbriefe schreibt, nicht mit der „breiteren Masse“ zu vergleichen ist, die bei Nachrichtenportalen oder Twitter kommentiert (wobei Twitter klar keine grosse Masse ist, jedoch viele Personen sich auf Twitter äussern, die keinen Leserbrief schreiben würden). Und ich halte daran fest: Das Tageszeitungs-Format finde ich effektiv unmöglich, unhandlich und einfach obermühsam. Ist effektiv mit ein Grund, warum mich Tageszeitungen abschrecken.

    • agossweiler schreibt:

      Tania Woodhatch > «Wenn Sie glauben, dass ich in meinem Alter zu einer Minderheit gehöre, dürfen Sie gerne weiter daran glauben»: Ich habe nicht geschrieben, dass ich das glaube. Ob es stimmt, weiss ich nicht, aber ich kann auch das Gegenteil nicht belegen. Ich habe geschrieben, dass ich es bedenklich finde, wenn eine ganze Generation mit politischen Informationen unverversorgt ist. Das ist die Kernaussage des Blogtexts.

      «Wer nimmt sich heute noch die Mühe, einen Leserbrief zu schreiben?» Schauen Sie doch wieder mal eine Zeitung an, und dann werden Sie sehen, dass ganz viele Leute Leserbriefe schreiben.

      «Aber ist das die Volksstimme? Ich wage zu behaupten, das ist ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung»: Das glaube ich nicht. Und selbst wenn es wahr wäre: Das gleiche gilt für Tweets und Online-Kommentare. Auch diese werden von einem kleinen Teil der Bevölkerung verfasst. Auch beteiligt sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung an Abstimmungen und Wahlen. Dennoch will niemand darauf verzichten.

  3. seminym schreibt:

    Unterschätzt Gossweiler nicht den ersten (unhandliches, grosses Format) und simpelsten Punkt? Klar – der Journalist, der im Café in aller Grandesse die Beine übereinanderschlägt, mit ausladenden Bewegungen die eben gelesene Seite – geräuschvoll – umschlägt, dabei den Kopf leicht schräg – aber hoch erhoben! – hält und unter den dadurch gesenkten Lidern vorbei äugt (fehlt nur noch Lesebrille und Pfeife…), kommt sich wahnsinnig toll vor. Doch normale Leute sitzen oder stehen gedrängt in der S-Bahn, bekommen vom Arbeitgeber keine Arbeitszeit bezahlt um Zeitung (bequem am grossen Pult) zu lesen und vor allem: Sie sind aufgewachsen in einer anderen Zeit, für sie ist die papierne Zeitung ein Relikt aus einer Zeit in der Mann noch Hut trug und Pfeife rauchte. Die papierne grossformatige Zeitung ist NICHT praktisch – das ist ein Fakt; es ist kein grosses Problem und jene (Gossweiler) die damit aufgewachsen sind können sich auch wunderbar im Umgang mit ihr produzieren. Doch wer nicht damit aufgewachsen ist und zuerst mit Praktischerem in Kontakt kam, der wird nicht warm mit dem grossen Format.

    Ich möchte gar nicht Gossweilers Sorge ohne weiteres beiseite schieben – doch Punkt (1) hat meiner Meinung nach sehr wohl einen Einfluss. Es hat sich ein Kulturwandel vollzogen – wie üblich ausgelöst durch einen vorhergehenden Technologiewandel.

    • agossweiler schreibt:

      seminym > Witzig formuliert, danke. Bin aber nicht mit allem einverstanden:
      – OK, in der vollen S-Bahn ist es schwierig bis unmöglich, eine Tageszeitung zu lesen. Aber man muss sie auch nicht zwingend in der vollen S-Bahn lesen. Ich lese die Zeitung gerne entweder im Bett oder am Schreibtisch oder in der Mittagspause im Park. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!
      – Die papierne Zeitung ist kein «Relikt». Die Zeitung ist punkto Handhabung immer noch unschlagbar. Auf dem Telefon, und sei es noch so smart, eine Zeitung lesen zu wollen, ist eine absurde Idee. Auch am Computer geht das nicht gut. Die Aufmerksamkeitsspanne ist am flimmernden Bildschirm viel kürzer.

      • Mart3n schreibt:

        Ich kann mich seminym nur anschließen.
        Vor ein paar Jahren hatte ich ebenfalls eine österreichische Qualitätszeitung, nämlich Die Presse abonniert. Ich mag den Journalismus und die Qualität der Informationen – jedoch muss ich wirklich sagen, dass dieses elende Papierchaos mich dazu gebracht hat, das Abo zu kündigen und nur noch die online Version zu nützen. Ich komme mit diesen übergroßen, unhandlichen Papierfetzen nicht zurecht, Tutorials zur effizienten Handhabung hab ich auch keine gefunden.
        Ich kann hier hundertprozenzig sagen dass, würde es die Zeitung in einem Tabloid Format geben, ich sie ohne Zögern sofort wieder abonnieren würde. Ich frage mich wirklich, wieso die „seriösen“ Zeitungen sich so gegen dieses Format streuben – in meiner Heimat gibt’s die Kleine Zeitung, welche seriösen Journalismus in A4 betreibt und damit überaus erfolgreich ist.
        Zu twitter als Nachrichtenersatz kann ich übrigens nur den Kopf schütteln.

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