Backsteinstadt Zürich

Zürich ist eine Backsteinstadt: Zu diesem Schluss kommt der junge deutsche Architekt und ETH-Forscher Wilko Potgeter. Rund 1000 Gebäude mit Backsteinfassaden hat er in der Stadt ermittelt. Sie stammen aus den Jahren 1883 bis 1914. Damals wurden in kurzer Zeit neue Quartiere aus dem Boden gestampft, vor allem in Aussersihl, Wiedikon, Ober- und Unterstrass und Oerlikon. Als Baumaterial bot sich der kostengünstige Backstein an. Grosse Industriegebäude wie der Schlachthof, Tramdepots, Fabriken und auch viele Wohnhäuser wurden mit Backsteinfassaden hochgezogen. Obwohl einige stattliche Backsteingebäude wie der Güterbahnhof abgebrochen wurden, haben viele bis heute überlebt.

Der Schlachthof, ein prächtiges Beispiel der Zürcher Backsteinarchitektur (Foto: Andreas Gossweiler)

Eine Ausstellung im Haus zum Rech und ein neues Buch zeigen, warum der Backstein zum beliebten Baumaterial wurde. Und da hat Wilko Potgeter einige überraschende Sachen herausgefunden. Das beginnt mit der Definition eines Backsteins. Hier wird es schon überraschend komplex. Zwar gibt es seit 1872 ein Normmass: Länge 25 cm, Breite 12 cm, Höhe 6 cm. Das kennen alle, die schon mal ein Backsteinhaus aus der Nähe angeschaut haben. Doch dank Wilko Potgeter lernen wir, dass es nicht nur Backsteine gibt, sondern Hochlochziegel, Langlochverblender in verschiedenen Grössen, Spaltplättchen und noch einiges mehr.

Das Verblüffendste: Die Backsteinfassaden zeigen oft nicht das Baumaterial der Wände. Vielmehr haben die Maurer meist für das Innere der Mauern andere Steine verwendet als für die Fassaden. Was man von aussen sieht, sind spezielle Backsteine, die den eigentlichen Mauern vorgeblendet wurden. Also so ähnlich wie Zahnärzte Veneers auf fleckige Zähne aufkleben. Diese besonders glatten Backsteine nennt man Verblender. Nach 1900 gingen die Maurer sogar dazu über, nur noch dünne Plättchen auf die Fassaden zu montieren, ähnlich wie Fliesen. Diese Verblendplättchen hatten keine tragende Funktion mehr. Optisch sind sie von einer Backsteinmauer mit vollformatigen Steinen nicht zu unterscheiden – ausser, wenn man so genau hinschaut wie Wilko Potgeter, sieht man an den Ecken, dass diese Plättchen eben nur vorgeblendet sind.

Wilko Potgeter: Backsteinstadt Zürich, Park Books 2021

Ausführlicher Forschungsbericht der ETH: https://holzer.arch.ethz.ch/forschung/forschungsprojekte/sichtbackstein-zuerich.html

Doktorarbeit von Wilko Potgeter: https://holzer.arch.ethz.ch/forschung/doktorate/potgeter-wilko.html

Über agossweiler

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