Talât Pascha und der Völkermord an den Armeniern

Die Koexistenz von Christen, Muslimen und Juden in Andalusien im Mittelalter hat mich schon lange fasziniert. Auch im Osten Europas lebten Muslime und Christen jahrhundertelang zusammen – im Osmanischen Reich in Kleinasien. Damit war 1915 abrupt Schluss, als Talât Pascha, Innenminister des Osmanischen Reichs in seiner letzten Phase, die Armenier aus Kleinasien vertrieb, wobei die meisten ermordet wurden oder aus anderen Gründen starben. In einem neuen Buch veröffentlicht der Historiker Hans-Lukas Kieser seine Forschungsarbeit zu Talât Pascha, diesem wenig bekannten, aber sehr einflussreichen Politiker.

Was ich in Kiesers Buch auch spannend finde: Der Historiker räumt mit Gründungsmythen der Türkei auf, die bis heute populär sind. Insbesondere widerlegt Kieser die weit verbreitete Ansicht, Mustafa Kemal Atatürk habe sich «als gemässigter Republikaner vom osmanischen Reichsdenken» losgesagt. Kieser zeigt mit vielen Dokumenten, dass es keinen radikalen Bruch zwischen der Politik des Osmanischen Reiches und der kemalistischen Politik gab, sondern eine Kontinuität in vielen Bereichen – eine personelle, aber auch eine ideologische Kontinuität. So schreibt Kieser: «Kemal Atatürks politischer Weg und sein politisches Denken bauten auf (dem) Konzept einer autoritär geführten türkisch-muslimischen Nation auf.» Genau dieses Konzept hat schon Talât Pascha mit aller Konsequenz und Brutalität umgesetzt. Talâts Idee war, dass nur noch ethnische Türken in Kleinasien leben sollten. Alle christlichen Einwohner – namentlich Armenier und Griechen – hatten in diesem Konzept keinen Platz mehr. Viele Dokumente beweisen, dass die Vernichtung der christlichen Bevölkerungsgruppen des Osmanischen Reiches nicht nur eine Begleiterscheinung der Vertreibungspolitik war, sondern von langer Hand geplant und beabsichtigt. Wobei Talât Pascha die treibende Kraft war.

Auch Mustafa Kemal Atatürk war, wie Kieser belegen kann, «sich nicht zu schade, der Menge damals „Elhamdülillah, wir sind alle Muslime, wir sind alle Gläubige“ zuzurufen». Atatürk habe sich mit Talâts Kernanliegen, dem «uneingeschränkt türkischen Nationalheim in Kleinasien», identifiziert. «Das schloss die uneingeschränkte Zustimmung zum Resultat des Völkermords und der systematischen Vertreibungen der übrigen osmanischen Christen mit ein.» Die Folge: «Die Republik Türkei folgte einem Kurs, der mehr von Talâts Konzepten und politischer Praxis vorgezeichnet war, als die Akteure in Ankara sich eingestanden und ausländische Politiker, Diplomaten und Historiker es im 20. Jahrhundert wahrnahmen.» Der bis heute betriebene «quasireligiöse Kult um Atatürk als „ewigen Führer“» (Zitat Kieser) vernebelte wohl den klaren Blick auf die Kontinuität von Talât zum Kemalismus.

Kieser anerkennt, dass Atatürk das Land in vielen Bereichen modernisierte – er erwähnt das «Zivilrecht, Schulwesen, Berufsleben für Frauen und die Infrastruktur.» Dem seien die im «Ultranationalismus» verhafteten «antiegalitären und imperialen Tendenzen» entgegengestanden, die auf Talâts Politik zurückweisen. Diese oft verdrängte Tatsache hat laut Hans-Lukas Kieser bis heute einen grossen Einfluss auf die Politik der Türkei: «Wie sollen gegen Putsche und autoritäre Machtkonzentration gefeite demokratische Institutionen entstehen und bestehen, wenn nicht nur die aus Talâts und Atatürks Ära stammenden nationalen Narrative nicht erhellt und überwunden, sondern im Gegenteil weiter zelebriert werden?»

Fazit: Hans-Lukas Kieser legt eine spannende Geschichtslektion vor über eine wenig bekannte Periode der osteuropäischen und orientalischen Geschichte. Sein neues Buch hilft, vieles besser zu verstehen, was man aus dieser Region vernimmt.

Hans-Lukas Kieser: «Talât Pascha. Gründer der modernen Türkei und Architekt des Völkermords an den Armeniern. Eine politische Biografie», Chronos Verlag 2021

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