Das beste Bond-Buch

Über James Bond wurden schon viele Bücher geschrieben. Ein unglaublich spannendes Buch ist «Der Fall James Bond», veröffentlicht im Mai 1966, als die Bond-Begeisterung noch sehr frisch war. Leider ist das Buch längst vergriffen. Zuerst erschien es unter dem Titel «Il caso Bond» in einem italienischen Verlag.

Der Umschlag ist ein kleines Kunstwerk, gestaltet vom Schweizer Grafiker Celestino Piatti, der damals für das Design aller dtv-Buchcover zuständig war. Piatti machte eine Collage mit Film-Standbildern, hinterlegt mit bunten Farbfeldern, die an die konstruktive Grafik der Zwischenkriegsjahre erinnert. Das grösste Bild zeigt den Bond-Schauspieler Sean Connery mit gequält wirkender Grimasse. Das ergibt einen ironischen Effekt, den wir an verschiedenen Stellen im Buch wieder finden.

Der berühmteste Aufsatz im Buch ist «Die erzählerischen Strukturen in Flemings Werk» von Umberto Eco. Es ist unverständlich, dass dieser grossartige Text bisher nie wieder aufgelegt wurde. «Silver Train» hat bereits früher darauf hingewiesen (https://agossweiler.wordpress.com/2016/07/22/james-bond-eco-und-freud).

Besonders eindrücklich seziert der Psychologe und Philosophie-Professor Fausto Antonini das Bond-Phänomen: «Wenn Bond seine Philosophie ausdrücken sollte oder könnte, würde er als Neopositivist oder Neoempirist erscheinen. „Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Diese Wittgensteinsche Maxime passt vollkommen zu ihm. Er ist der Mensch ohne innere Dimension, ohne Geschichte, ohne geistige Schöpferkraft, ohne philosophische Neugier: er ist die radikale Antithese zum Augustinischen „interior homo“, in dem „habitat veritas“. Er ist reine Logik, reines Abenteuer, reine Handlung, reines Kalkül einerseits und reines Gefühl (wesentlich erotisches) andererseits. Er ist der Mensch, bei dem die Grosshirnrinde alle Gehirnfunktionen übernommen zu haben scheint, aber nur in der wissenschaftlich-mathematisch-psychoreflexologisch-kybernetischen Richtung. Er ist der flache Mensch, ohne geistige Dimensionen, ohne Komplexe, ohne dunkle unergründliche oder abgründige psychische Zonen.»

Etwas bodenständiger arbeitete die Journalistin Lietta Tornabuoni: Sie hat Gastro-Fachleute mit Bonds Trink- und Essgewohnheiten konfrontiert. Fazit: Bond ist «nicht nur ein Feinschmecker, sondern ein Mann von wirklichem Raffinement, mit sensiblem Gaumen, der in der Lage ist, richtig und mit authentischer Persönlichkeit zu wählen.» Weniger gut kommen seine Getränke-Vorlieben weg: «Ich würde sagen, dass 007 lauter aussergewöhnliche Sachen trinkt, dass ihm aber der feurige Schwung des raffinierten Trinkers fehlt. Er trinkt gut, seine Weinkarte ist ausgezeichnet, aber ihm fehlt die Kennerschaft und die wahre Liebe.» Gin mit Wodka zu mixen, bekanntlich James Bonds Martini-Rezept, das sei «überflüssig», erklärt der im Text zitierte Wein- und Spirituosen-Experte Piero Accolti, Autor von Büchern wie «Il mio amico Whisky».

Der Fall James Bond. 007 – ein Phänomen unserer Zeit, Deutscher Taschenbuch Verlag 1966

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