Von «Heimatliebe» zu «Hummus-Liebe»

shahak

Dieses Foto zeigt nicht Emily Williams.

In ihrem neuen Buch «Tag X – ein gut gemachter Fake» verwebt Emily Williams ihre Begegnung mit einem psychisch kranken Blogger mit der vor zwei Jahren bekannt gewordenen Übernahme von mehr als 30 AfD-Facebook-Gruppen, die publik gemacht wurde durch die Juxpartei «Die Partei» und den Satiriker Shahak Shapira.

Der verhaltensgestörte Blogger kommt einem vage bekannt vor. Einmal bezeichnet er die Ich-Erzählerin als «gut gemachten Fake». Das inspiriert sie zum grossen Coup – dem Unterwandern von über 30 Facebook-Gruppen, die die AfD unterstützt haben. Die Ich-Erzählerin schafft es, Gründer der Gruppen sperren zu lassen und sich als «Admin» einzuschleusen. Das zog sie durch bis zum «Tag X» – an diesem Tag wurde die Gruppe «Heimatliebe» umbenannt in «Hummus-Liebe», etc.

Mir gefällt die präzise und humorvolle Sprache der Autorin. Sie heisst nicht Emily Williams. Sie wolle sich mit dem Pseudonym schützen vor aggressiven Rechtsextremen, erklärt sie. Das ist durchaus verständlich. Leider beschränkt sie so die Reichweite ihres lesenswerten Buches, denn als anonym auftretende Autorin hat man geringere Chancen, in den Medien zu erscheinen. Das ist schade, denn die Themen des Buches würden sicher viele Leute interessieren. Es gibt mehr als genug Dampfplauderer à la Sascha Lobo, die omnipräsent und oberflächlich übers Internet reden – eine intelligente Stimme wie Emily Williams wäre im Mediendiskurs hochwillkommen.

Das Buch lässt vermuten, dass Emily Williams bei der Übernahme der AfD-Fanseiten aktiv beteiligt war. Denn sie beschreibt die Aktion so detailliert, wie das meiner Meinung nach nur eine Insiderin kann. Hinter Emily Williams versteckt sich aber weder Shahak Shapira noch Martin Sonneborn von der «Partei», sondern zweifellos eine Frau, das zeigt der Duktus der Sprache.

Besonders gut gefallen mir einige scharfsinnige Gedanken über die politische Auseinandersetzung und die Manipulationsversuche, die in «sozialen Medien» stattfinden. «Wir brauchen nicht nur linke Plattformen, sondern auch eine linke Gegenerzählung», fordert Emily Williams. Doch sie weiss auch: «Die Vernetzung der Rechten funktioniert viel einfacher als die der Linken.» So präzise wird das vielleicht grösste Problem der «sozialen Medien» leider selten benannt.

Emily Williams: «Tag X – ein gut gemachter Fake», Marta Press 2019

Über agossweiler

Journalist
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