Weniger «Love», mehr «Hate»

Englische Wissenschaftler haben sich die Mühe gemacht, rund 150’000 Songs auf ihren emotionalen Gehalt abzuklopfen. In ihrer Studie haben sie festgestellt, dass die Songs im Lauf der Zeit immer weniger positive Emotionen vermitteln, aber immer mehr negative Gefühle. Besonders deutlich zeigt sich das laut den Forschern, wenn man untersucht, wie oft die Begriffe «love» und «hate» in den Songtexten vorkommen (siehe Grafik).

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Dieser Befund lässt Fragen aufkommen nach den Gründen. Leider geben die Wissenschaftler darauf keine Antwort. Sie haben sich darauf konzentriert, herauszufinden, ob die Veränderungen verursacht wurden durch Nachahmer, d.h. durch Musiker, die erfolgreiche Hits imitierten, oder ob Songs mit negativen Emotionen beliebter sind und deshalb öfter gekauft werden. Für die erste Arbeitshypothese spricht der Umstand, dass grosse Hits oft nachgeahmt werden: So spielten die Rolling Stones 1967 flugs «We Love You» ein, nachdem die Beatles grossen Erfolg hatten mit «All You Need Is Love».

Allerdings ist das Zählen von Begriffen in Songtexten nicht unbedingt eine zuverlässige Methode. Was macht man zum Beispiel mit dem Song «Sympathy for the Devil»? Das Wort Sympathie drückt positive Emotionen aus. Oder was ist mit «This Is Not A Love Song» der britischen Punkband Public Limited Image? Im Song kommt das Wort «Love» sehr oft vor, aber der Text spricht von allem anderen als Liebe.

Sowieso ist Liebe ja eine sehr ambivalente Angelegenheit. Das weiss man nicht erst seit dem Chanson «Les histoires d’A» des französischen Pop-Duos Les Rita Mitsouko mit dem unsterblichen Refrain «Les histoires d’amour finissent mal en général».

Natürlich ist die Liebe ein unerschöpfliches Thema für Popsongs. Wir verdanken diesem Gefühl viele zeitlose, grossartige Hits wie «God Only Knows» von den Beach Boys und «Let’s Stay Together» von Al Green, aber daneben auch Hunderttausende schwachsinnige Schnulzen. Hingegen ist Hass weniger produktiv. Es gibt erfolgreiche Hass-Songs wie «Fuck You» von Lily Allen oder «You’re So Vain» von Carly Simon. Aber ehrlich gesagt sind das nicht unbedingt die Songs, die man immer wieder hören möchte.

Daneben gibt es viele spannende Songs, die von einer ambivalenten Gefühlslage berichten. Angefangen beim Genre, das die gesamte Popmusik stark beeinflusste: der Blues-Musik. Blues ist ein Gefühl, das weder mit Liebe noch mit Hass zu tun hat, sondern eher mit Melancholie. Genial auf den Punkt gebracht hat das zum Beispiel Otis Redding mit «Sitting On The Dock of the Bay». Oder auch B.B. King mit «The Thrill Is Gone». Die Luft ist raus, alles scheint sinnlos geworden zu sein.

Das alles zeigt, dass es wohl nicht genügt, die Anzahl von Wörtern in Songtexten zu zählen, um irgendwas Interessantes herauszufinden.

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