Gibt es Prostitution, weil sich Männer mehr für Sex interessieren als Frauen?

Der Tages-Anzeiger berichtet heute über eine neue Studie zum Sexleben der Dänen und Däninnen. Darin stehen Befunde wie beispielsweise:

– 93% der Männer haben Pornos geschaut, aber nur 67% der Frauen
– 96% der Männer haben jemals masturbiert, aber nur 87% der Frauen
– 12% der Frauen erlebten sexuelle Übergriffe, aber nur 2% der Männer
– etc…

Der Forscher Christian Graugaard sagt gegenüber der dänischen Presse, die Studie habe ihn überrascht und ihm die Augen geöffnet. Seine Umfrage habe ihm jetzt gezeigt, dass Sexualität nicht in erster Linie durch soziale Faktoren geprägt sei, sondern durch biologische Faktoren.

Damit wärmt der Forscher eine uralte Diskussion auf. Feministinnen haben seit langem darauf hingewiesen, dass soziale Prägungen wichtiger sind als biologische Faktoren. Sie sprechen von «Biologismus» und meinen damit, dass menschliche Verhaltensweisen vorwiegend mit biologischen Gegebenheiten begründet werden. Oft wurde auf diese Weise die vermeintliche Überlegenheit der Männer über die Frauen begründet, oder auch die rassistische Idee der Überlegenheit der europäischstämmigen Menschen über indigene Völker. Die Feministinnen empfanden es als befreiend, diese Faktoren in den Hintergrund zu rücken und stattdessen den Fokus auf soziale Faktoren zu richten, also beispielsweise auf die jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen in vielen Sektoren des Lebens, in ökonomischer Hinsicht und auch im Bett.

Es ist bekannt, dass Männer den Frauen jahrhundertelang ein gleichwertiges Sexualleben absprachen. Das zeigt sich auch bei Sigmund Freuds Theorie des «Penisneids» oder bei der von Klaus Theweleit festgestellten «Unterdrückung durch Überhöhung».

Vor diesem Hintergrund wirkt es befremdlich, wenn die TA-Journalistin Michèle Binswanger unkritisch den reaktionären Ball der dänischen Forscher aufnimmt und verkündet, die ganzen Theorien zu sozialen Faktoren seien ganz einfach «Unsinn». Die dänische Studie zeige jetzt, dass in der Sexualität «eindeutige und unwiderlegbare biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern» existieren würden.

Moment, stimmt das? Die Studie zeigt das nicht. Sie dokumentiert lediglich Unterschiede im sexuellen Verhalten zwischen Männern und Frauen. Hier wird weniger masturbiert, dort ein wenig mehr. Männer schauen mehr Pornos, das war längst bekannt, aber beweist das «biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern»? Mitnichten. Es ist bekannt, dass Frauen sich weniger für Pornofilme interessieren, und die Gründe dafür sind ebenfalls bekannt: Weil die meisten Pornos aus männlicher Perspektive gedreht sind und einseitig auf den Geschlechtsakt, also die Penetration, fokussieren. Das hat jedoch nichts mit «biologischen Unterschieden» zu tun, sondern mit kulturell vermittelten Verhaltensmustern.

Dann räumt Binswanger ein, soziale Prägungen würden «zwar auch auf sexuelles Verhalten» wirken, «insbesondere bei Frauen». Diese seien «für sozialen Druck empfänglicher». Das ist natürlich ein sehr beschönigender Ausdruck für die Tatsache, dass die Frauen wie gesagt jahrhundertelang der Unterdrückung der Männer ausgesetzt waren. Warum Frauen für Druck «empfänglicher» sein sollen als Männer, ist nicht klar. Dennoch behauptet Binswanger, das sexuelle Verhalten der Männer sei «über Jahrtausende hinweg unempfänglich für Domestizierungsversuche» geblieben. Noch eine kecke Behauptung, für die die Autorin keine Beweise liefert. Dabei ist doch nun wirklich erzbekannt, dass auch die Sexualität der Männer jahrhundertelang unterdrückt war, man denke nur an das Verbot für Knaben, zu onanieren, verbunden mit der Androhung schwerer gesundheitlicher Schäden. Das wusste auch Sigmund Freud: «Das Sexualleben der Kulturmenschen ist schwer geschädigt». Damit waren natürlich nur Männer gemeint.

Geradezu haarsträubend ist der nächste Abschnitt. Hier geht es um Prostitution. Diese habe es «seit je und überall gegeben», behauptet Binswanger. Dass das eben nicht stimmt, hat der Anthropologe David Graeber nachgewiesen: Prostitution ist mitnichten das «älteste Gewerbe», wie der Volksmund glaubt, sondern sie ist entstanden, weil Männer ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten und deshalb ihre Frauen und Töchter als Sexsklavinnen verkauften.

Der dicke Hund kommt am Schluss des Textes: «Prostitution setzt ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Sex zwischen den Geschlechtern voraus, und dieser Unterschied hat biologische Ursachen», behauptet Binswanger. Das ist historisch falsch, wie wir gesehen haben: Prostitution setzt nicht ein «Ungleichgewicht» bei der Lust auf Sex voraus, sondern ein Ungleichgewicht bei den Machtverhältnissen: Die Frauen konnten sich nicht dagegen wehren, dass sie von Männern versklavt wurden. Das war eigentlich schon längst bekannt. Schon der griechische Philosoph Dion von Prusa kritisierte, Prostitution sei eine «lieblose Form von Liebe», ihre Opfer seien menschliche Wesen, die nicht willig seien.

Wo bitteschön sind da die «biologischen Ursachen»? Es gibt sie nicht. Zumindest beweist die dänische Studie diese Vorstellung nicht. Aus dem Befund, dass mehr dänische Männer masturbieren als dänische Frauen, lässt sich keineswegs eine Notwendigkeit für Prostitution ableiten. Das ist reine Spekulation, und es ist ein Rückschritt in längst vergangene Zeiten, in denen es als normal galt, dass Männer ihren Sextrieb ausleben und Frauen ihre Lust unterdrücken.

Als Tages-Anzeiger-Abonnent war ich entsetzt, als ich dies las.

Protest gegen den Backlash der dänischen Forscher gab es auch in Dänemark. Die Geschlechterforscherin Rikke Andreassen stellt klar: «In unserem Umgang mit Sex geht es nicht nur darum, was wir als Individuen wollen, sondern auch darum, was wir in unserem Leben gelernt haben.» Masturbation oder Pornokonsum von Frauen sei immer noch mit einem Stigma belegt. Kulturelle Normen seien immer noch einflussreich. Auch das stand im Tages-Anzeiger, wenn auch in einem anderen Artikel.

 

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