Feministinnen müssten Schawinski danken

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Ein nie dagewesener Shitstorm hat sich im Internet über den Talkmaster Roger Schawinski ergossen. Das Beispiel zeigt fast lehrbuchmässig, wie man einen Shitstorm fabriziert:

1. Die Rollenverteilung ist klar: eine junge, attraktive Frau stellt sich als Opfer alter, mächtiger Männer dar.

2. Dieses Narrativ wird von einem breiten Publikum dankbar aufgenommen und unkritisch repetiert und mit hämischen Beleidigungen angereichert.

Ein nüchterner Blick zeigt ein anderes Bild: Schawinski lud am 8. April die Prostituierte und Betreiberin eines Escort-Service namens Salomé Balthus ein, mit bürgerlichem Namen Klara Johanna Lakomy. Zu Beginn der Sendung blendete er ein Zitat der Feministin Alice Schwarzer ein:

«Wir wissen aus den Lebensläufen, dass eine überwältigende Mehrheit von den Frauen, die „freiwillig“ in der Prostitution sind, das heisst, die nicht von Schleppern aus Bulgarien gebracht werden oder von ihren Familien hierhin geschickt werden und anschaffen müssen, dass die noch häufiger als im statistischen Durchschnitt in der Kindheit sexuell missbraucht waren.»

Darauf fragte Schawinski Lakomy: «Ist das bei Ihnen auch der Fall gewesen?»

Lakomy konterte selbstbewusst und ohne sichtbare Rührung: «Ich nehme an, wenn ich jetzt Nein sage, was ich tue, dann kommt bestimmt jemand, der sagt, ich hätte es verdrängt. Ich könnte Ihnen die selbe Frage stellen, Herr Schawinski.»

Zurück in Deutschland, beklagte sich Lakomy, die Frage nach dem Missbrauch sei «übergriffig» gewesen. Und sie behauptete in ihrer Kolumne mit dem koketten Titel «Das Kanarienvögelchen» in der Tageszeitung «Die Welt», Schawinski habe sie gefragt, ob ihr Vater sie missbraucht habe. Das stimmte offensichtlich nicht. Schawinski protestierte. Darauf stellte die «Welt» die Kolumne ein und löschte den Text.

Zahlreiche Social-Media-User und Journalist/innen haben Klara Lakomys Narrativ kritiklos verbreitet. Das finde ich irritierend, denn Lakomy benutzte ihre Kolumne, um Prostitution in einem guten Licht darzustellen (Zitat: «Vom Glück, Prostituierte zu sein»).

Deshalb verstehe ich nicht, warum jetzt gerade auch viele Frauen das konfuse Narrativ, Balthus sei zum Opfer mächtiger Männer geworden, unkritisch übernehmen. Es ist eine Tatsache, dass viele Prostituierte zum Opfer von Gewalt werden. Für die meisten Betroffenen hat diese eklige Tätigkeit sehr wenig mit «Glück» zu tun. Darüber müsste man diskutieren, nicht über Schawinskis Interview. Aber leider sind auch viele Frauen dazu bereit, Prositution als unveränderlich hinzunehmen, ja sogar als Chance für unterprivilegierte Frauen zu betrachten, eine entweder zynische oder zumindest gedankenlose Sichtweise.

Aus einer feministischen Perspektive müsste man also Schawinski danken für seine kritischen Fragen, und man müsste der Welt gratulieren zum Entscheid, die Kolumne endlich einzustellen.

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