«I love this song… I want it to enter into my every pore»

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«Begin» – so optimistisch benannte die kalifornische Gruppe The Millennium ihre erste LP. Leider war dies auch zugleich das Ende dieser vielversprechenden Band. Denn obwohl diese fantastische Musik ähnlich raffiniert produziert war wie die besten Platten der Beatles oder der Beach Boys, und obwohl die aufwändige Produktion der Platte mehr Geld verschlang als jede andere LP, verkaufte sie sich schlecht.

Dass «Begin» dennoch in den letzten Jahren wieder veröffentlicht wurde, auch auf Vinyl, ist zu einem grossen Teil das Verdienst von Dawn Eden. Unermüdlich schrieb sie Artikel in den coolsten Rock-Magazinen, Liner-Notes für CD-Reissues und erzählte allen, die es hören wollten, wie fantastisch die Musik von The Millennium und wie gross die Innovationskraft ihres Songschreibers, Sängers, und Produzenten Curt Boettcher war. In einem CD-Booklet stiess ich erstmals auf den Namen Dawn Eden. Ein Name, wie geschaffen für eine Rockkritikerin, die alles tat, um eine vergessene, schillernde, berückend schöne Musik bekannt zu machen. Eine Musik, die inzwischen über 50 Jahre alt ist, aber immer noch so klingt, als käme sie aus der Zukunft, wie Dawn schreibt.

Das war irgendwann in den 1990er Jahren. Später las ich in Dawn Edens Blog «The Dawn Patrol», dass sie ihre Karriere als Rockkritikerin an den Nagel gehängt und zum katholischen Glauben konvertiert war.

Religion ist für mich Privatsache. Sie stört mich nicht, solange religiöse Menschen nicht versuchen, mir ihren Glauben aufzudrängen oder mich zu bekehren. Deshalb respektierte ich Dawn Edens Entscheid. Sie hatte als Rockkritikerin viel getan, um mein Leben zu bereichern, also wollte ich ihre Hinwendung zur Religion nicht werten. Auch wenn mich die Titel ihrer neuen Bücher, wie «The Thrill of the Chaste», leicht irritierten. Ich dachte mir: Die Amerikaner/innen sind halt gerne überschwänglich – in der Popmusik wie in religiösen Dingen.

Jetzt legt die Ex-Rockkritikerin ihre Memoiren vor, unter ihrem bürgerlichen Namen Dawn Eden Goldstein. Der Titel «Sunday Will Never Be The Same» bezieht sich auf den gleichnamigen Hit von Spanky And Our Gang. Eine Gruppe, die ähnlich grossartige Musik machte wie Curt Boettcher und genauso wenige Platten verkaufte, abgesehen vom erwähnten Song. Auf dem Umschlag von Goldsteins neuem Buch sind versammelt: ein Foto der Single «It’s You» von The Millennium, ein Foto der jungen Dawn Eden und ein Foto eines bärtigen Mannes, der aussieht wie ein Mönch. Dieses Buch wollte ich unbedingt lesen. Ein Buch mit einer Millennium-Platte auf dem Umschlag sieht man nur einmal im Leben.

Dawn Edens neues Buch macht klar. Sie liebt Musik nach wie vor. Wie sehr, zeigt unter anderem der folgende Abschnitt: «I love this song. This one, the one the band is playing right now. I want it to enter into my every pore, to fill and suffuse every part of me, so that there will be no part of my mind, body, and spirit that does not feel loved.»

Irgendwann ging es mit Dawns Karriere als Rockkritikerin leider nicht mehr weiter. Egal, wie sehr sie sich abstrampelte, mühselig freelancte und ihre exzellenten Kontakte in der Musikszene spielen liess: Die Plattenfirmen hatten alles abgegrast und veröffentlichten um die Jahrtausendwende weniger Neuausgaben vergessener Meisterwerke. Die Re-Releases verkauften sich leider nicht viel besser als die Originalausgaben. Die neuen Bands konnten Dawn Eden nicht mehr begeistern (mich auch nicht). Sie heuerte an als Produzentin bei Rupert Murdochs Blatt «New York Post». Dort profilierte sie sich als sehr kreative Titelschreiberin. Zu einem Artikel über einen Katzenmörder titelte sie «Meeow culpa», zu Donald Trumps x-ter Hochzeit «The Lady Is a Trump». Als ein Sanitärmonteur Opfer einer explodierenden Toilettenschüssel wurde: «Hurt In Line of Doody». Man kann also sagen, dass die «New York Post» die geniale Titelschreiberin ungern feuerte, aber es ging wohl nicht anders, denn die Produzentin hatte sich erlaubt, ohne Rücksprache mit der Autorin einen Artikel über Abtreibungen im katholischen Sinn leicht, aber deutlich wahrnehmbar zu korrigieren.

Ihr Entscheid, Theologie zu studieren, war dann wohl konsequent. Warum sie ihr Leben als Rockkritikerin tauschte gegen ein neues Leben als katholische Theologin, wird beim Lesen des Buches etwas besser verständlich. Immerhin ist es gut zu wissen, dass Dawn weiterhin gute Musik liebt. Denn sie schreibt (sinngemäss aus dem Gedächtnis zitiert): Nichts, was Gott geschaffen oder zugelassen hat, ist verschwendet, auch nicht kalifornische Rockmusik der 1960er Jahre. Jedes Kapitel trägt den Titel eines berühmten Songs der Sixties: «God Only Knows», «I Had Too Much to Dream Last Night», Along Comes Mary» und so weiter.

Was ich auch nicht wusste, aber in Dawn Edens neuem Buch lernte: Es gibt einen Schutzheiligen der Journalist/innen. Es ist Maximilian Kolbe, ein polnischer Mönch, der eine Radiostation betrieb und von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Es ist der bärtige Mann auf dem Umschlag.

Dawn Eden Goldstein: «Sunday Will Never Be the Same», Catholic Answers Press 2019

 

 

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