Willy Bestgen, der vergessene Berner Jazzmusiker

Der Berner Bandleader und Produzent Willy Bestgen gehörte in den 1930er bis 1960er Jahren zu den produktivsten Schweizer Jazzmusikern. Dennoch ist er weitgehend in Vergessenheit geraten: Sein Name fehlt in der Wikipedia-Liste der Schweizer Jazzmusiker und im Historischen Lexikon der Schweiz. Kürzlich konnte ich einige Schallplatten in fabrikneuem Zustand erwerben, die einen guten Querschnitt durch das musikalische Schaffen von Willy Bestgen zeigen.

Der 1914 geborene Bestgen konnte sich schon in jungen Jahren als Profimusiker etablieren. Er gründete Bands wie die «Swiss Boys», «Willy Bestgen und seine Barmusiker», «Bar Trio Willy Bestgen» und «Willy Bestgen and his Orchestra». Am Schlagzeug sass seine Frau Betty Bestgen, die erste Schweizer Jazzdrummerin. Bestgen nahm Schallplatten auf für Labels wie Parlophon, Columbia oder Ideal. Dann gründete er seine eigene Plattenfirma. Auf STAR RECORD (sowie auf den Labels SWISS SOUND und KING SOUND) veröffentlichte er nicht nur eigene Aufnahmen, sondern auch Musik von ausländischen Bands sowie Ländler- und Marschmusik. Samuel Mumenthaler schrieb in der Berner Zeitung: «Musikalisch boten die Bestgens dem Publikum, was es wollte: Von Jazz bis Folklore war alles zu haben.»

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Willy Bestgen and his Orchestra (STAR RECORD 102)
Als zweite LP seiner neuen Plattenfirma brachte Willy Bestgen im Jahr 1958 eine Platte mit seinem elfköpfigen Orchester heraus. Titel wie «Glenn Miller Mood» oder «Armstrong Blues» zeigen, wohin die musikalische Reise ging. Gekonnt arrangierte Bestgen eigene Stücke und Kompositionen des belgischen Jazz- und Schlagerkomponisten Peter Laine (der bürgerliche Name lautete Marcel Peeters). Interessanterweise verwendete Willy Bestgen neben seinem richtigen Namen auch zwei Pseudonyme als Komponist: Will Best und Mafaldo. Warum er auf diese Idee kam, ist nicht bekannt. Auf dieser LP wechseln sich stimmungsvolle, schmelzende Bläsersätze ab mit rasanten Solos von Trompete, Vibraphon und Piano.

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Tanz-Party with the 5 Good Men (STAR RECORD 108)
Nach Platten wie «Vo Luzärn gäge Wäggis zue» (STAR 103) oder «Schweizer Märsche» (STAR 107) veröffentlichte Willy Bestgen Ende der 1950er Jahre zum zweiten Mal eine LP mit Jazz-Stücken aus seiner Feder und anderen Komponisten wie Peter Laine. Der Stilmix ist ähnlich wie auf seiner ersten LP und wiederum stark von der US-amerikanischen Jazzmusik der eleganteren Sorte inspiriert. Doch die Besetzung ist reduziert auf Saxophon oder Klarinette, Vibraphon, Piano, Bass und Schlagzeug. Die Namen der «5 Good Men» sind leider nicht überliefert. Der Grafikstil des Umschlags ist typisch für STAR RECORD – ein knallbuntes Foto kombiniert mit einer knochentrockenen Typografie, meist mit der Helvetica-Schrift.

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The Generation-66: «Wake Up Sunshine» (STAR RECORD 143)
Willy Bestgen hatte in den 1960er Jahren ein Problem: Die Zeit der Jazz-Orchester war vorbei. Angesagt waren nicht mehr weit geschnittene Anzüge und schmelzende Glenn-Miller-Stücke, sondern Rock’n’Roll und Beat. Doch Willy Bestgen wusste sich an die neue Zeit anzupassen. Er nahm eine versierte Band aus Maribor (Slowenien) unter Vertrag – die Top Generation. Ihren Namen leiteten sie ab von einem Hit der englischen Gruppe The Who («My Generation»). Der Sound der slowenischen Band war geprägt durch eine dreiköpfige Bläsersektion, das musste Willy Bestgen gefallen. 1971 nahm Bestgen mit den sechs Slowenen in einem Studio in Küsnacht ZH eine LP auf. Die Stücke waren grösstenteils Coverversionen wie «Jesus Is A Soulman» des US-Countrymusikers Lawrence Reynolds oder auch eine saftige Version von «Blowin‘ In The Wind». Bei den Eigenkompositionen wird auf der Plattenhülle immer auch Willy Bestgen beziehungsweise Mafaldo als Mitkomponist erwähnt. Bestgen änderte zudem den Namen der Gruppe – statt Top Generation hiessen sie für die Dauer der Zusammenarbeit The Generation-66. Kurze Zeit später änderten die Slowenen ihren Namen zurück in Top Generation und nahmen in Biel den Hit «Stop, Stop» auf, der leider nicht auf der LP enthalten ist.

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Will Horwell: «Hammond Time» (STAR RECORD 144)
Mit dem deutschen Organisten Willy Horwedel alias Will Horwell nahm Bestgen eine LP auf. Das Erscheinungsjahr ist nicht bekannt. Horwedel zog alle Register seiner Hammond-Orgel, das Instrument zischt, flötet, orgelt und brodelt, und Bestgen schrieb die Musik unter vier verschiedenen Namen: Willy Bestgen, Will Best, Mafaldo und Vielmo di Besgani.

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Willy Bestgen y su Orquesta tipico (STAR RECORD 148)
Zwischen Veröffentlichungen wie «Nel bel Ticino» und «s Landi-Dörfli» nahm Willy Bestgen eine LP mit Cha-Cha-Cha, Merengue und anderen südamerikanischen Rhythmen auf. Etwa die Hälfte der Stücke stammen aus der Feder von Willy Bestgen, Mafaldo und Vielmo di Besgani. Das Foto auf dem Plattenumschlag zeigt Willy Bestgen inmitten von Agaven in einer Leoprint-Badehose, die einer seiner Musiker angefertigt hatte.

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Willy Bestgen’s Golden Strings: «Flowers and Champagne» (STAR RECORD 161)
In den 1960er Jahren bewegte sich Willy Bestgen musikalisch ins Feld des Easy Listening und weg von der Jazzszene. Persönlich gefallen mir auf dieser Platte die vier Tangos am besten, als Komponisten sind auf dem Cover Willy Bestgen und Vielmo de Besgani vermerkt.

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The Camillos: «Guitar Favourites» (STAR RECORD 162)
Der Organist Camillo Cartolari aus Modena war wie viele Musiker seiner Generation fasziniert von der englischen Beat-Musik. Er gründete die Gruppe I 4 Camillo. Willy Bestgen nahm mit Cartolaris Quartett mehrere LP’s auf. Musikalisch ist dieses Instrumentalalbum stark beeinflusst von Gitarrenbands wie den Shadows, mit gelegentlichen Ausflügen in musikalisch seichtere Gefilde. Die Songschreiber-Credits teilen sich Willy Bestgen, Will Best, Mafaldo und Cartolari.

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Willy Bestgen Big Band / The Camillos: «Beat Train» (STAR RECORD 164)
Das Erscheinungsdatum dieser erstaunlichen Platte ist nicht bekannt, ich tippe auf die späten 1960er Jahre. Das schillernde Coverfoto vermittelt eine ungefähre Ahnung vom bunten Stilmix dieser Platte. Den Sound könnte man am ehesten beschreiben als üppig orchestrierte Easy Listening-Instrumentalmusik mit einer kräftigen Rhythmusgruppe. Möglicherweise ist «Beat Train» Bestgens produktionstechnisch ausgefeilteste und chromatisch sowie rhythmisch vielseitigste Platte. Jazzpiano-Einlagen und fette Bläsersätze wechseln sich ab mit Hammondorgel-Sounds und futuristischer Fahrstuhlmusik, unterlegt mit einem tanzbaren Beat mit in den Vordergrund gemischtem Bass und hie und da einem Schuss Acid-Garagenrock, was vermutlich Camillo Cartolaris Einfluss war. Bei dieser LP schöpfte Willy Bestgen aus dem Vollen. Sie ist gewissermassen sein persönliches «Sergeant Pepper», mit anderen Worten: Eine kreative Leistung, die er vorher und nachher nie erreichte. Die Songschreiber-Credits teilen sich Mafaldo und Willy Bestgen und diverse Mitkomponisten wie Cartolari.

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The Montenegro Five (STAR RECORD 211)
Wir schreiben das Jahr 1969. Willy Bestgen produziert eine LP mit der jugoslawischen Gruppe The Montenegro Five. Das Programm dieser LP besteht aus Coverversionen von US-Hits wie «Heya», «Na Na Hey Hey» oder «Soul Finger» und leider nur wenigen Eigenkompositionen der montenegrinischen Gruppe wie dem in serbokroatischer Sprache gesungenen Ohrwurm «Svadjamo Se». Dazwischen streute Willy Bestgen Selbstkomponiertes im Rhythm’n’Blues-Stil.

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Fred Böhler: «Organ 2 with Latin American Rhythms» (STAR RECORD 230)
Im Jahr 1973 produzierte Willy Bestgen zwei LP’s mit dem Schweizer Jazz-Urgestein Fred Böhler als Solo-Organist. Gefühlvoll und gekonnt interpretierte Böhler auf seiner Wurlitzer-Orgel mit eingebautem Orbit-3-Synthesizer Bestgens Stücke mit Tango-, Cha-Cha-, Merengue- und anderen südamerikanischen Rhythmen. In den Composer-Credits fuhr Willy Bestgen wieder sämtliche Pseudonyme auf – Mafaldo, Will Best und Vielmo de Besgani, bei manchen Stücken zwei davon gleichzeitig.

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Eine Antwort zu Willy Bestgen, der vergessene Berner Jazzmusiker

  1. Andreas Von Gunten schreibt:

    Wow, da hast Du aber einen tollen Schatz der Schweizer Musikgeschichte erwerben können. Danke für den interessanten Bericht!

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