Vom Popgenie zum Blumenzüchter

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«I’m not a pop star, am I? I’m not any kind of star at all.»

«The Story of John Nightly» ist ein brandneues Buch, doch die Bestandteile der «Story» sind seit 50 Jahren bekannt. Nightly ist ein junger Popmusiker, der in der Mitte der 1960er Jahre von Cambridge nach London zieht, praktisch über Nacht berühmt wird und ebenso schnell von der Musikszene verschwindet. Das traurige Schicksal erinnert sehr an Musiker wie Brian Wilson oder den ebenfalls aus Cambridge stammenden Syd Barrett. Beide machten in kurzer Zeit eine tragische Wandlung durch vom Superstar zum psychischen Wrack. Ähnlich ging es John Nightly, der fiktiven Hauptfigur des vorliegenden, über 800 Seiten dicken Buches. Wie Brian Wilson komponierte auch John Nightly ein unerhörtes Opus Magnum, das jahrzehntelang in Form von Bootlegs zirkulierte, bis ein junger Fan dem Genie half, das sagenumwobene Werk endlich fertigzustellen. «Mink Bungalow Requiem» nannte Nightly seine Rockoper. Sie besteht aus drei LP’s, die man gleichzeitig auf drei Plattenspielern abspielen soll.

«The Story of John Nightly» ist der erste Roman von Tot Taylor, einer der kreativsten Köpfe der Londoner Post-Punk-Musikszene. Ab 1981 schaffte es Taylor, in schneller Abfolge eine Reihe von Motown-beeinflussten Dancefloor-Krachern zu schreiben für Mari Wilson, dank ihrer auffälligen Frisur auch bekannt als «Miss Beehive», gleichzeitig die vergleichsweise kurze Karriere der schwedischen Sängerin Virna Lindt mit unterkühlten Spionage-Songs zu befeuern sowie Platten unter seinem eigenen Namen aufzunehmen. «Compact Organization», so der Name des von Tot Taylor gegründeten Plattenlabels, wurde zum Synonym für intelligenten, witzigen Zitat-Pop. Anspielungen an die Popkultur der 1960er Jahre finden sich in den Compact-Songs in Hülle und Fülle. Allerdings war diese Musik weder Retro noch nostalgisches Revival, sondern ein absolut eigenständiger Beitrag zur Popszene der 1980er Jahre. Nach dem Ende des Compact-Labels Mitte der achtziger Jahre gründete Tot Taylor nacheinander die ebenso geschmackvollen Plattenlabels «London Popular Arts» und «Poppy Records», aber die Blütezeit des Zitat-Pops – und der Post-Punk-Popszene überhaupt – war vorbei. Tot Taylor verabschiedete sich aus der Popwelt und erfand sich neu als Galerist.

Ironischerweise kommt die Post-Punk-Musikszene der 1980er Jahre mit keinem Wort vor in «The Story of John Nightly». Das liegt vor allem daran, dass sich der Musiker Nightly nach einem jahrelangen Psychiatrie-Aufenthalt nicht mehr für Musik interessierte. Er zog sich nach Cornwall zurück, um an der malerischen Steilküste exotische Pflanzen zu züchten. Erst als ein junger Musikfreak vorbeischaut, stellt er mit seiner Hilfe sein geniales «Mink Bungalow Requiem» fertig – so wie Brian Wilson mit Unterstützung von Musikern einer neuen Generation mit dreissig Jahren Verspätung «Smile» fertigstellte.

Schreibtechnisch gesehen ist «The Story of John Nightly» eine Montage von unterschiedlichen Textformen – kurzen Erzählstücken, fiktiven Interviews, Dialogen, erfundenen Ausschnitten aus Enzyklopädien, Zeitungen, Zeitschriften und so weiter. Bezüge zu tatsächlich existierenden Personen verweben die Fiktion mit der Realität. Tot Taylor lässt die Leser an seinem reichhaltigen Musikwissen teilhaben. So lobt John Nightly die Single «Classical Gas» von Mason Williams, eine irrwitzige Montage von «klassischem» Nylonsaiten-Gitarrengeklimper und Orchestersounds von wagnerschen Dimensionen. Gelegenheit für Taylor zu einem kleinen Exkurs über Instrumental-Popstücke, heute fast undenkbar, in den 1960er Jahren populär.

«Fifteen years or so» arbeitete Tot Taylor an seinem Roman. Er liess sich Zeit und wartete, bis er in Schreibstimmung war. Ähnlich, wie wenn ein Musiker einen Song schreibt. So beschreibt er die Arbeit an seinem Buch. Teilweise liest sich die Sprache tatsächlich (pop-) musikalisch und erinnert an die lyrics der Tot-Taylor-Songs der 1980er Jahre: «Vanna and Johanna were both Seekers. (…) Two halves of the same lemon. Whipped up, whirled up, maybe washed up (…). Both completely rama-lama-ding-donged, she hoped. Krishna’d out. Like a burned-out Sibelius, a retreating Dylan.»

Über 800 Seiten dick ist das Buch geworden. Schön gestaltet von Julian Balme, dem Covergestalter der Compact Organization. Eine Geschichte von epischem Ausmass. Taylor kontrastiert die euphorischen Tage der Popkultur des «Swinging London» mit dem beschaulichen Leben in Cornwall. Manche Passagen lesen sich fast wie ein Sachbuch über die englische Musikszene. Der Held der Geschichte ist trotz seiner anscheinend genialen Kompositionskünste wenig sympathisch. Einsilbig, egozentrisch, oft mürrisch – so porträtiert Taylor seine Figur John Nightly. Seine Ehe mit dem exzentrischen Model Iona Sandstrand hält nicht lange. In Cornwall scheint er innere Ruhe gefunden zu haben. Dort lebt er mit seinem Kompagnon John Daly (ausgesprochen wie Daily), einem ausgebildeten Krankenpfleger, und der Haushälterin mit dem klingenden Namen Endymion Peed.

Laut eigenem Bekunden wollte Tot Taylor einen Roman schreiben über begnadete Popmusiker, die nach ein paar Hits in der Versenkung verschwinden und den Rest ihres Lebens als Taxichauffeur oder Müllmann arbeiten. Das kann im Einzelfall tragisch sein, aber ist nicht unbedingt trauriger als Popmusiker, die weiterhin Platten heraushauen, obwohl sie ihre kreative Energie längst verloren haben. Als Idee für einen Roman ist eine solche Geschichte auf jeden Fall tauglich und lohnend. Fragt sich nur, warum nicht früher jemand auf die Idee gekommen ist.

Zufälligerweise ist gleichzeitig mit der «Story of John Nightly» die LP «Shiver» von Virna Lindt neu erschienen, diesmal als Doppelalbum, angereichert mit Singles wie «Young and Hip» und anderen Perlen aus den 1980er Jahren. Damit nicht genug – gerüchteweise hält sich Tot Taylor wieder im Studio auf, um mit Virna Lindt neue Songs aufzunehmen. Jedenfalls teilte mir dies Tot Taylor via Twitter mit: «News is that we hope there will be a new Virna Lindt single in 2018 and an album to follow.»

Virna Lindt: «Shiver», Les disques du Crépuscule 2017
Tot Taylor: «The Story of John Nightly», Unbound 2017

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Über agossweiler

Journalist
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