«Anything grows»: Bärte in der Popmusik

Macca

Paul McCartney, Bassist der «Beardles» (1968)

Gäbe es einen Preis für die längsten Koteletten, müsste ihn Trevor Boulder erhalten, der Bassist von David Bowies Band «Spiders from Mars». In einer androgyn auftretenden Glam-Rock-Band gab es nur zwei Optionen, um mit Barthaaren umzugehen: Weg damit – oder, wie Boulder, sie so lang wie möglich wachsen lassen und silbern färben. Eigentlich war es aber viel einfacher: Boulder kam aus der Blues-Szene, in der Bärte zum guten Ton gehörten. Als er sich Bowie anschloss, schnitt er sich ganz einfach den mittleren Teil seines Rauschebartes ab. Das erfahren wir in «Avantbart», der «frisierten Geschichte des Vollbarts in der Popmusik» des ZHdK-Dozenten Jörg Scheller. Der Text ist nicht nur witzig geschrieben, sondern auch bemerkenswert gut recherchiert.

Nun könnte man denken: Bärte sind mal Mode, mal nicht – mehr gibts dazu nicht zu sagen. Das sieht Kunstwissenschaftler Scheller anders: Für ihn ist der Vollbart in der Popmusik ein «Differenzgenerator» und zuverlässiges Zeichen für «Identität/Alterität, Dissens, Differenz, Avantgardismus, Neuorientierung, aber auch Elitismus». Als Beispiel führt er die Beatles an, deren Bärte je länger wurden, je mehr sie sich entfernten vom eingängigen «Schlager-Rock’n’Roll» ihrer Anfänge (Zitat Scheller) und mit moderner Studiotechnik experimentierten.

Ein Blick ins Plattenregal bestätigt den Befund: Auch andere Bands wie die Beach Boys oder die Byrds traten in den frühen 1970er Jahren mit immer längeren Bärten auf. Und der Gitarrist der kommerziellen Glamrock-Gruppe «The Sweet» liess sich einen Bart wachsen, als die Gruppe beteuerte, künftig seriös und selbstbestimmt musizieren zu wollen. Allerdings ging das Bartwachstum nicht immer konsequent einher mit Avantgardismus. Denn nach den Experimenten mit Drogen und Studiotechnik wandten sich die Beatles, aber auch die Beach Boys und ein grosser Teil der Szene ab 1968 wieder einfacheren musikalischen Strukturen zu. Allerdings war die unbeschwerte Euphorie, die den Beginn ihrer musikalischen Laufbahn gekennzeichnet hatte, unwiederbringlich vorbei.

Was auch nicht ganz zu Schellers These passt: Die Rolling Stones, die ewigen Gegenspieler der Beatles, liessen sich nie Bärte wachsen. Obwohl sie nach 1968 gewaltig an Dissens und Differenz zulegten. Ohne den geringsten Hauch von Gesichtshaaren wirkten die Stones damals ungleich bedrohlicher und umstürzlerischer als die Beatles. Nur Gitarrist Brian Jones zeigte sich mit zunehmend üppigen Koteletten, aber er beförderte sich leider bald selbst ins Nirvana. Jörg Scheller versucht diesen Widerspruch aufzulösen, indem er den Stones eine geringere Innovationskraft zuspricht: «Kein Wunder, dass die ungleich uninspirierteren Rolling Stones den Beatles nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch in Sachen Bart-Vielfalt nicht das Wasser reichen können.» Das galt vielleicht zur Sergeant-Pepper-Phase, als die Stones mit vergleichsweise fader Weltraum-Musik nachzogen und sich in bunte Kostüme hüllten. Doch kamen die Rolling Stones erst richtig in Schwung, als sich die Beatles auflösten.

In der Glam-Rock-Zeit experimentierten auch die Stones kurzfristig mit androgynem Auftreten. Sie blieben aber bis heute bartlos. Das schaffte David Bowie nicht. Sein Markenzeichen war der ständig wechselnde Stil, und dazu gehörte es wohl, dass er sich auch mal einen Bart wachsen liess. Das passt wiederum bestens zu Schellers These: «Bowies Vollbart akzentuierte die Abkehr von seinem Megastar-Status und stand für die Besinnung auf einen „natürlicheren“, „männlicheren“ Ansatz.»

The rest is history: In der Punkzeit und in den darauf folgenden 1980er Jahren waren Bärte tabu. Das hat sich, wie jedes Kind weiss, inzwischen gründlich geändert. Ist der Bart also doch nur eine Frage der immer wechselnden Mode? Jedenfalls ist er, so Scheller im Epilog seines Textes, «mehr denn je ein Accessoire unter vielen, seine Semantik weniger denn je verortbar.»

«Anthing Grows», herausgegeben von Jörg Scheller und Alexander Schwinghammer, Franz Steiner Verlag 2016

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