Bahnhof-Bilder in Milano und Salsomaggiore

Wenn Bahnhöfe die Kathedralen der Moderne sind, dann brauchen sie auch einen angemessenen Wandschmuck. Sagten sich die Architekten des monumentalen Hauptbahnhofs von Milano, der 1931 eröffnet wurde. Doch während Fresken und Mosaiken der mittelalterlichen Kirchen viele Kunstbegeisterte anziehen, beachtet kaum jemand die Mosaiken im Bahnhof Milano Centrale. Teilweise werden sie von einem hässlichen Metallportal verdeckt, das vor einigen Jahren installiert wurde, um die Reisenden zu «kontrollieren». Das wäre in einer Kirche undenkbar. Der Wandschmuck des Bahnhofs ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert.

milanokomDer Mosaikzyklus im Bahnhof von Milano besteht aus zwei mal drei Mosaiken: Auf der linken Seite (von den Perrons aus gesehen) sind drei Bilder angebracht, die imaginäre Ureinwohner zeigen:
– Thema Verkehr (ein Paar mit Baby auf einem Floss)
– Thema Energie: ein Ureinwohner, der ein Becken mit Feuer hält
– Thema Kommunikation: Ein Ureinwohner, der unter einer Palme trommelt.

Den drei Ur-Szenen gegenüber stehen drei Mosaiken, die die moderne Technik darstellen:
– Thema Verkehr: Drei allegorische Frauengestalten, die die Schiffhart, die Eisenbahn und die Luftfahrt darstellen
– Thema Energie: Eine Frauenfigur, die die Elektrizität symbolisiert
– Thema Kommunikation: Eine Frauenfigur, die den Funk symbolisiert.

Entworfen wurden die Mosaiken von einem Künstler, der die Signatur «G. Rufa» benützte. Über ihn ist auf die Schnelle nichts näheres herauszufinden. Keine Frage: Die Bilder sind originell, die Gegenüberstellung von archaischen Szenen und Allegorien der modernen Technik ist plausibel in einem riesigen Bahnhof, einem der letzten monumentalen seiner Art. Einige Details regen zum Schmunzeln an, so ist der männliche Ureinwohner auf allen Bildern glatt rasiert und adrett frisiert. Er trägt elegante Pelzkleider. Eigentlich müsste er sich grausam die Hände verbrennen an der Schüssel mit dem Feuer, die er auf einem Bild hoch hält. Interessant ist auch, dass der Künstler für die Darstellung der modernen Technik Frauenfiguren wählte und die Szenen weniger naturalistisch gestaltete, sondern als Allegorien. Der gesamte Mosaikzyklus ist sichtbar in der Fotogalerie ganz unten (die Fotos kann man vergrössern, indem man auf die Galerie klickt).

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Wir fahren mit dem Regionalzug durch die Poebene nach Fidenza und nehmen dort den Anschlusszug zum früher glamourösen Kurort Salsomaggiore Terme. Dort wurde 1937 eine ganz neue Bahnlinie eröffnet mit einem brandneuen Bahnhof. Seine Dimensionen sind kleiner als die des Hauptbahnhofs von Mailand, doch der Bahnhof von Salsomaggiore erinnert in gewisser Hinsicht an Milano Centrale: Vom Perron zum Strassenniveau muss man auch eine relativ hohe Treppe überwinden. Und wiederum hat G. Rufa einen Bilderzyklus geschaffen, wenn auch nicht als Mosaiken, sondern als gemalte Wandbilder.

Die Bilder in Salsomaggiore sind jedoch weniger prominent plaziert, man sieht sie nur, wenn man den dezentral gelegenen Lift benützt. Im Korridor, der vom Lift zur Bahnhofhalle führt, prangen mehrere bunte allegorische Figuren. Der Stil der Darstellungen ist ähnlich wie in Milano, doch das Programm änderte radikal: Die Bilder von Salsomaggiore sind stark politisch aufgeladen. Sie verherrlichen das faschistische Regime. Der Maler wählte eine Reihe von grobschlächtigen Symbolen: Ein Adler prangt über einem SPQR-Zeichen. Eine spärlich bekleidete Dame benützt ein überdimensioniertes Rutenbündel als Pflug. Eine Gruppe von drei Frauenfiguren symbolisiert die Macht des faschistischen Staates (eine Frau trägt ein Kleid in rot, weiss und grün; eine andere trägt einen Helm und ein schwarzes Kleid; die dritte bläst in eine Posaune). Zu ihren Füssen schläft ein Löwe mit einer Krone auf dem Kopf. Oder ist er tot? Die Symbolik der Bilder ist weniger eindeutig als in Milano. Ein Gruseln kommt auf beim Betrachten der pompösen Allegorien. Leider sind die Bilder teilweise in einem schlechten Zustand – die Farbe blättert grossflächig ab. Offenbar hält es niemand für notwendig, dieses interessante Zeitdokument vor dem endgültigen Zerfall zu schützen. Das ist schade, trotz der gruseligen politischen Bezüge der Bilder. Der gesamte Zyklus ist wiederum unten in der Galerie sichtbar.

Fotos: Andreas Gossweiler

Über agossweiler

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