Neue NZZ-Chefredaktion: Aufregung umsonst?

Gross war die Aufregung in der Medienwelt, als ein Rechercheur Mitte Dezember 2014 aufdeckte, dass der NZZ-Verwaltungsrat den Journalisten Markus Somm als neuen Chefredaktor einsetzen wollte. Ein Teil der NZZ-Redaktion unterschrieb einen Protestbrief, und der Verwaltungsrat musste die Suche nach dem neuen Chefredaktor wieder neu beginnen (oder weitersuchen – je nach Darstellung). Die grosse Aufregung war weitgehend vergebens: So sieht es ein halbes Jahr nach dem vermeintlichen Skandal aus. Zu diesem Schluss kommt man, wenn man liest, was dem neuen Chefredaktor Eric Gujer zur Flüchtlingstragödie im Mittelmeer einfällt. Somm würde nicht grundlegend anders argumentieren. «Für die Kritiker (der EU-Flüchtlingspolitik) gibt es das Hochgefühl moralischer Überlegenheit gratis», schreibt Gujer. Das heisst: Wer die EU wegen ihrer harten Einwanderungspolitik kritisiert, ist ein naiver Gutmensch. Mit nur einem Satz sind alle Kritiker erledigt.

«Die Aufnahmebereitschaft (für Flüchtlinge) darf nicht überstrapaziert werden», gibt Gujer zu bedenken. Denn wenn «die Bürger» (welche?) «fürchten, dass die Einwanderung ausser Kontrolle gerät», sei mit «umso heftigeren Gegenreaktionen an den Wahlurnen» zu rechnen. Das erschwere eine humane Flüchtlingspolitik und könne Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte zur Folge haben. Ganz ähnlich argumentiert Roger Köppel, wenn er die Verantwortung für Brandanschläge dem Staat zuschieben will. Gujers Argumentation enthält einen Zirkelschluss erster Güte: Eine offene, humane Flüchtlingspolitik könnte ausländerfeindliche Reaktionen hervorrufen, also lässt man am besten die Finger davon. Ausgeblendet wird dabei, welche politischen Kräfte ausländerfeindliche Reaktionen bewusst schüren. Angesichts dieses Leitartikels fragt man sich, warum die Personalie Somm so heftige Emotionen hervorgerufen hat. Gujers Argumentation folgt praktisch nahtlos der nationalkonservativen Linie. Ein wirklich liberaler Ansatz würde die Einsicht beinhalten, dass die Migration letztlich nicht kontrollierbar ist.

Update 25.4. Auch der heutige Artikel über die Wohnsiedlung Kalkbreite kommt im aggressiven Blochermedien-Stil daher. Die NZZ behauptet: «Grüne machen sich in der „Kalki“ breit». Statt zu recherchieren, warum  der Wohnungsmarkt nicht funktioniert, spottet die NZZ über diejenigen, die aktiv etwas dafür tun, dass Nichtmillionäre noch in der Stadt wohnen können. Zudem greift die NZZ eine SP-Schulpflegerin an – laut ihrem Blog mit falschen Zahlen und ohne mit ihr gesprochen zu haben. Somm hätte vermutlich grosse Freude an diesem Artikel. Der Autor arbeitete übrigens früher bei der Weltwoche.

Update 26.6. Ein kleineres Erdbeben in der Medienlandschaft verursachte die Ernennung von René Scheu als neuen Leiter des NZZ-Feuilletons. Vordergründig ist nichts Besonderes daran, dass ein Journalist, der sich als «bekennender Wirtschaftsliberaler» bezeichnet, von der NZZ angestellt wird. Kritiker erkennen jedoch im von Scheu herausgegebenen und geleiteteten Schweizer Monat «antidemokratische und sozialdarwinistische Züge» (Zitat WoZ).

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6 Antworten zu Neue NZZ-Chefredaktion: Aufregung umsonst?

  1. patrickseemann schreibt:

    Wieso der Wohnungsmarkt nicht funktioniert, muss man nicht immer und immer wieder recherchieren, das ist seit längerem bekannt:

    – knappes Angebot (wegen beschränktem Bauland, restriktiven Bauvorschriften (z.B. gegen mehr Etagen) etc.)
    – regulierte Mieten (stark eingeschränkte Möglichkeiten zu Mietpreisanpassungen etc.)
    – wachsender Flächenbedarf jedes Einzelnen

    Die Lösung liegt da eben *nicht* in einer weiteren Regulierung und Steuerung, sondern in erhöhter Flexibilität für unterschiedliche Lösungen und Varianten.

    • agossweiler schreibt:

      Dass dein Katalog nicht stimmt, beweist ja eben das Beispiel Kalkbreite – die Mieten in dieser Baugenossenschaft sind günstig, obwohl die wirtschaftlichen Voraussetzungen die selben sind. Der Unterschied: es steht kein Eigentümer dahinter, der sich auf Kosten der Mieter/innen masslos bereichern will.

      • patrickseemann schreibt:

        Nein, die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind eben nicht dieselben:

        – Land wurde von der Stadt zu Spezialkonditionen zur Verfügung gestellt. Das ist zwar vom Stimmbürger so gewollt, führt aber dazu dass der qm2-Preis logischerweise tiefer ist als wenn ein Privater baut. Und damit auch dazu, dass die Differenz zum qm2-Preis eines Privaten in der Stadtkasse durch die Steuerzahler ausgeglichen wird
        – Eigentümer (d.h.Genossenschafter) verzichtet bewusst auf eine Rendite auf dem eingesetzten Kapital. Solange das freiwillig geschieht, ist dagegen nicht einzuweisen; schlussendlich macht jeder Häuschenbesitzer dasselbe

        Ich weiss nicht, wieviele und welche Mietshauseigentümer Du kennst. Von denen welche ich kenne, versucht keiner, sich auf Kosten der Mieter masslos zu bereichern. Die sind alle schon froh, wenn sie Ende Jahr unter dem Strich in etwa gleich viel Rendite wie wenn sie das in den Häusern investierte Geld einigermassen konservativ angelegt hätten.

      • agossweiler schreibt:

        Doch, die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind dieselben. Die Stadt stellte das Land der Genossenschaft nicht zu „Spezialkonditionen“ zur Verfügung, sondern im Baurecht. Der grosse Unterschied: Die Genossenschaft will keine maximale Rendite aus dem Haus saugen.

        Ich weiss nicht, wie viele und welche Mietshauseigentümer du kennst. Niemand hat behauptet, alle seien raffgierige Blutsauger. Aber es ist leider eine Tatsache, dass viele Immobilienbesitzer möglichst viel Rendite machen wollen – auf Kosten der Mieter. Immer wieder wird ein fiktiver Wert – der sogenannte „quartierübliche“ Wert – zum Anlass genommen, um den Mietpreis zu erhöhen, ohne entsprechende Mehrleistung. Immer wieder werden ganze Häuser geleert, ohne Notwendigkeit stark umgebaut und dann zu viel höheren Preisen neu vermietet (das habe ich vor drei Jahren selbst erlebt). Aber niemals geben Hausbesitzer die Gewinne an die Mieter weiter, die sie erzielen wegen sinkender Zinsen – obwohl sie das müssten. Die massiv niedrigeren Mietpreise der Genossenschaften beweisen, dass es billiger geht, d.h. dass sich viele Hauseigentümer auf Kosten der Mieter massiv bereichern, ohne eine adäquate Leistung zu erbringen. Und weil die Existenz der Genossenschaften dieses Malaise so deutlich zeigt, sieht sich die NZZ leider bemüssigt, die Kalkbreite-Genossenschaft mit polemischen Behauptungen anzugreifen. Das war das Thema meines Blogartikels.

  2. patrickseemann schreibt:

    Die ach so renditegeilen Hausbesitzer sind unter anderem Pensionskassen, welche versuchen, den vom Volk (zu hoch) festgelegten BVG-Umlagensatz zu finanzieren. Man könnte also durchaus argumentieren, dass die entsprechend hohen Mieten demokratisch legitimiert sind.

    Zu den Spezialkonditionen: Baurecht oder Kauf sind nicht Konditionen sondern Arten der (temporären) Eigentums- bzw Besitzübertragung. Die Spezialkonditionen sind im Preis für das Baurecht drin.

    • agossweiler schreibt:

      Du solltest dich erst mal informieren, bevor du Behauptungen verbreitest. Rate mal, wie viele Wohnungen Pensionskassen gehören? Na? Ich sags dir: es sind nur mickrige 5 Prozent. Die Hälfte aller Wohnungen gehören sogenannt natürlichen Personen.

      Das Thema meines Blogartikels war aber wie gesagt nicht der Wohnungsmarkt, sondern die Polemik der NZZ. Dass die NZZ nicht die Interessen der Mieter/innen vertritt, ist bekannt. Das stört mich nicht – wir haben ja Meinungsfreiheit in der Schweiz. Mich stört aber sehr, dass die NZZ die Kalkbreite-Genossenschaft mit polemischen, teils falschen Behauptungen angreift – obwohl, oder gerade weil, die Genossenschaft etwas Gutes tut für viele Stadtbewohner/innen. Wir haben in der Stadt nur 17 Prozent Genossenschaftswohnungen. Das sind nicht viele. Es stört die NZZ aber offenbar, dass die Genossenschaften täglich zeigen, dass es möglich ist, günstige Wohnungen zu bauen. Deshalb greift sie zum Mittel der unfairen Polemik. Das war das Thema meines Blogartikels.

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