Analog ist das neue Bio

Andre Wilkens ist kein Digitalverweigerer. Er weiss genau, wann er sein erstes Blackberry und sein erstes iPhone gekauft hat. Und bereits vor der Dotcom-Blase gründete er eine Firma für personalisierte Zeitungen. Frei nach der Neue-Deutsche-Welle-Gruppe «Ideal» schreibt er: «Ich fühl mich gut – ich steh auf Digital».

Doch Wilkens gehört auch nicht zu denen, die vom digitalen Paradies auf Erden träumen. Er fordert eine «Packungsbeilage» für alle digitalen Geräte. Darin müssten – wie bei Medikamenten – nicht nur die Wirkungen, sondern auch die Nebenwirkungen der Geräte aufgelistet sein, fordert Wilkens. Zum Beispiel:

«Sie müssen davon ausgehen, dass alle Ihre Daten permanent gesammelt, ausgewertet und für verschiedenste kommerzielle und nicht kommerzielle Zwecke verwendet werden»

«Eine Überdosis Digital kann zu Vereinsamung und / oder unsozialem Verhalten führen»

«Digital kann dazu führen, dass Sie Ihren Job verlieren, weil er von datenverarbeitenden Systemen effizienter erledigt werden kann»

«Digital führt zu fast 100-prozentiger Abhängigkeit. Es ist fast unmöglich, Digital vollkommen abzusetzen»

Diese Internetkritik ist nicht durchwegs völlig neu. Die Kritik am Monopol von Google ist aus dem «Spiegel» bekannt. Autoren wie Jaron Lanier und Hannes Grassegger haben bereits auf das Problem der massenhaften Datenverarbeitung hingewiesen. Doch Wilkens hat einen besser umsetzbaren Lösungsvorschlag: Während Lanier und Grassegger fordern, wir sollten unsere Daten verkaufen statt verschenken (was schwer umsetzbar ist), fordert der Politologe Andre Wilkens politische Schritte: Regierungen müssen digitale Monopole brechen – und digitale Packungsbeilagen vorschreiben. Einfacher als das individuelle Datenverscherbeln wäre die Besteuerung der Datennutzung. Wenn man Internetkonzerne nach der Menge der von ihnen genutzten Daten besteuern würde, bekämen Daten endlich einen echten Wert: «Durch die Besteuerung von Daten könnten wir gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.» Denn die Internetkonzerne sind nicht nur brillant im Absaugen von Daten, sondern auch im Vermeiden von Steuern. Und diese Probleme kann man nur auf der staatlichen Ebene lösen, nicht jeder Bürger als Einzelkämpfer. Das hat Andre Wilkens sehr scharfsinnig erkannt.

Der Titel des Buches – «Analog ist das neue Bio» – ist ein superprägnanter Slogan. Die Idee: Bio war die Reaktion auf die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln mit ihren negativen Begleiterscheinungen. Auch zu digitalen Angeboten gibt es die Alternative: analoge Medien. Andre Wilkens ist überzeugt: «Wenn Menschen die Verlierer der digitalen Revolution sind, sollten sie mal über eine Konterrevolution nachdenken.» Doch der Buchautor will keineswegs das Internet ausschalten. Er fragt nur: «Warum muss es für alles eine digitale Version geben?»

Das neue Buch gipfelt in einem «Manifest für ein menschliches Leben in der digitalen Welt». Analoge Alternativen, so Wilkens, verhindern Abhängigkeiten und Unselbständigkeit: «Sie müssen erhalten, gelehrt, geschützt und subventioniert werden – so wie erneuerbare Energien.» Konkret heisst das: Nicht alles mit der Kreditkarte («der reine Datenbagger») zahlen. Sich politisch engagieren statt nur twittern und liken. Wieder mal den Flohmarkt besuchen statt nur noch auf Ebay surfen. Die Einmaligkeit eines Konzertes geniessen, statt es mit dem Handy mitzuschneiden. Wieder mal einen Brief schreiben statt nur noch mailen. Sich nicht total abhängig machen zu lassen von Steckdosen und Passwörtern.

Andre Wilkens: «Analog ist das neue Bio», Metrolit Verlag 2015

Über agossweiler

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