Digitale Datenkraken: «Totalitarismus ohne Uniform»

Der deutsche Soziologe Harald Welzer arbeitet am «Norbert Elias Center for Transformation Design & Research» in Flensburg. Das finde ich als Elias-Fan schon mal sympathisch. Welzer hat sich auch einen Namen gemacht als Totalitarismusforscher. Dabei fand er erschreckende Parallelen zur digitalisierten Welt: «Wir haben eine Studie über Menschen gemacht, die im Nationalsozialismus verfolgte Menschen versteckt haben. Es haben damals nicht viele überlebt, aber es haben es doch ein paar Tausend geschafft… und dann der Gedanke: Unter den Bedingungen von heute würde keiner unentdeckt bleiben», sagt er im Interview mit dem «Spiegel».

Die Gefahr einer neuen totalitären digitalen Herrschaft beschreibt Welzer wie folgt: «Diktaturen arbeiten immer zuerst an der Abschaffung der Privatheit und des Geheimen und Verborgenen. Denn nur so lassen sich Menschen effektiv kontrollieren. Google und Co. arbeiten auch an der Abschaffung des Privaten. Sie kontrollieren schon jetzt mehr als bloss das Internet. Sie kontrollieren mehr und mehr unser soziales Leben. Sie setzen Normen. Sie entscheiden, was gut ist, wie ein Leben auszusehen hat, wie Zusammenleben auszusehen hat.» Welzers Fazit: «Es droht ein Totalitarismus ohne Uniform.»

Leuten wie Jaron Lanier und Hannes Grassegger, die das digitale Geschäftsmodell des Datensammelns und -verkaufens kritisieren, entgegnet der Soziologe: «Und das glauben Sie? Das ganze Geschäftsmodell besteht aus einer Akkumulation von informationeller Macht. Das ist zentral. Mehr über die Bedürfnisse der Menschen zu wissen als diese selbst. Es vorher schon zu wissen. Da steckt sofort etwas Normatives drin. Wie Google-Chef Eric Schmidt das formuliert. Wenn man nicht will, dass etwas bekannt wird, sollte man es gar nicht erst tun. Darin artikuliert sich ein Herrschaftsanspruch, der mit dem, was wir unter Demokratie und Rechtsstaat verstehen, nicht unbedingt kompatibel ist.»

Die Internetkonzerne schaffen das Geheimnis ab, warnt Harald Welzer. Doch der politische Bürger brauche die Sicherheit der Privatsphäre, damit er in der Öffentlichkeit auftreten kann. Auch die Sharing-Ökonomie kritisiert der Soziologe: «Seit Airbnb überlegt sich jede WG genau, ob sie ein Zimmer umsonst weggibt.» Wenn sie das tut, «hat sie ein schlechtes Geschäft gemacht.»

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