Entwurf für ein Social-Media-Museum

Museum

Museum

Die Geschichte der «sozialen Medien» wurde noch nie umfassend erzählt. Diese Geschichte ist noch jung, aber enthält weit reichende Bezüge und Verästelungen. Viele Leute haben ein Facebook-Konto, aber wenigen ist bewusst, was in den virtuellen Räumen abläuft. Kritische Reflexion ist eine Rarität. Einige basteln quasi-religiöse Heilslehren um die «sozialen Medien». Sie behaupten, «soziale Medien» würden alle Menschen zum «Prosumer» machen (Produzent und Konsument in Personalunion) – eine fragwürdige These. Deshalb ist es wichtig, das Thema gründlich und kreativ zu durchleuchten.

Raum 1

Speakers’ Corners und Fanzines: Die Vorgeschichte

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass «soziale Medien» nichts Revolutionäres sind, wie einige behaupten, die aus dem Internet eine Religion machen. Neu sind nur die technischen Mittel (Personal Computer, Internet, «Web 2.0», Smartphones). Hingegen gab es schon früher Medien, die einer breiten Öffentlichkeit ermöglichten, sich auszudrücken: Wandzeitungen, Schwarze Bretter, Flugblätter, Speakers’ Corners, Gemeindeversammlungen, Punk-Fanzines, Schülerzeitungen, CB-Funk, Plauderboxen usw.

Raum 2

Von Facemash zu Facebook: Die Erfinder

Wer sind die Köpfe hinter Twitter, Facebook, Wikipedia usw? Was trieb sie an? Hier liegen viele Geschichten meist nordamerikanischer männlicher Studenten verborgen. Drei Beispiele aus Dutzenden:

1999 verschickte Casey Fenton Mails an 1500 Studenten in Island, weil er eine günstige Unterkunft suchte. Er bekam 50 Angebote. Die Idee für den «Couchsurfing»-Dienst war geboren.

Im Oktober 2003 konzipierte der Student Mark Zuckerberg ein Programm namens «Facemash» als eine Art Schönheitswettbewerb unter Studenten.

Am 21. März 2006 veröffentlichte der Student Jack Dorsey die erste Twitter-Botschaft. Er wollte ein Möglichkeit schaffen, um Kurzbotschaften an eine Gruppe von Leuten zu senden.

Raum 3

Here today, gone tomorrow: Die Benützer

Optimisten und Digital-Religiöse behaupten, dank dem «Web 2.0» könne jeder zum Medienproduzenten werden, ungeachtet seiner Kompetenzen und beruflichen Erfahrungen. In Tat und Wahrheit gelingt dies nur ganz wenigen Menschen. Einige werden über Nacht zum Superstar, aber verschwinden meist kurz darauf wieder in der Obskurität:

Im Dezember 2004 veröffentlichte der 18-jährige Gary Brolsma das «Numa Numa»-Video auf Youtube. Seine skurrile Playback-Performance wurde in kurzer Zeit von vielen Millionen Leuten angeklickt.

Nachdem ihr Polizeifoto auf der Plattform Reddit veröffentlicht wurde, wurde die alleinerziehende Mutter Meagan Simmons berühmt als «schönste Verbrecherin». Sie war 2010 verhaftet worden wegen Alkohol am Steuer. In der Folge erhielt Simmons zahlreiche Jobangebote und Heiratsanträge.

Der deutsche Lokomotivführer Thomas Doehler twitterte im Januar 2014: «In Halle (Salle) ist eben die Oberleitung runtergekommen.» Die Deutsche Bahn glaubte, Doehler sei ein Fahrgast und fragte: «Benötigen Sie Infos zum Zug? Ich schaue gerne nach, wenn Sie mir Ihre Verbindung verraten.» Der Lokführer antwortete träf: «Ich bin der Zug». 

Raum 4

Unkontrollierbare Eigendynamik: Social-Media-Katastrophen

In regelmässigen Abständen sorgen Benützer der «sozialen Medien» für Negativschlagzeilen. Manche verlieren Job und Ansehen, weil sie anstössige Botschaften veröffentlichen. Dann wird der Vorwurf laut, diese Benützer hätten nicht begriffen, wie die «sozialen Medien» funktionieren. Doch greift der Vorwurf nicht zu kurz? Ist es nicht vielmehr so, dass die «sozialen Medien» eine Eigendynamik entwickeln, die für die Benützer nicht kontrollierbar ist? Immer wieder werden Benützerinnen und Benützer überrascht von Ereignissen, die sie nicht beeinflussen können. Einige Fallstudien veranschaulichen das Problem:

Der Softdrink-Hersteller Dr Pepper lancierte 2010 einen Wettbewerb, bei dem Facebook-Statusmeldungen mit einer speziellen Applikation publik gemacht wurden. Zufälligerweise gelangte auch die Statusmeldung eines 14-jährigen Mädchens an eine breitere Öffentlichkeit, das auf seiner Facebook-Seite geschrieben hatte, es habe einen Pornofilm angeschaut. Die Mutter des Mädchens war entsetzt.

Ein Benützer verffentlichte im Frühling 2012 auf Twitter den Spruch: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht… diesmal für Moscheen». Der Spruch wurde von Zeitungen einer grösseren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Kurz darauf verlor der Benützer seinen Job und sein Amt in der Schulpflege.

Im November 2014 beklagte sich die Sprecherin eines US-Abgeordneten über die Töchter des Präsidenten Barack Obama, weil diese ihrer Meinung nach bei einem öffentlichen Auftritt «zuwenig Klasse» gezeigt hätten. Nach Protesten musste sie zurücktreten.

Raum 5

Die Wiederkäuer: Social Media und traditionelle Medien

Propagandisten der «sozialen Medien» behaupten, dank der neuen Kanäle sei eine Gegenöffentlichkeit entstanden, die traditionellen Massenmedien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen die Deutungshoheit entrissen habe. Die gründliche Untersuchung dieser These zeigt, dass das nur ansatzweise stimmt. Theoretisch können heute alle dank der neuen technischen Möglichkeiten einen eigenen Publikationskanal aufziehen. Doch nur ganz wenigen gelingt es punktuell, ein grosses Publikum zu erreichen. Den allermeisten Benützern fehlen die Kompetenzen und die Ressourcen, um konstant Beiträge zu erstellen, die für die Öffentlichkeit interessant sind. Viele Blogger hören früher oder später entmutigt auf, weil sie kein Echo erzeugen. Nur ganz selten gelingt es einigen, mit einem Scoop kurzfristig Aufsehen zu erregen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die meisten Social-Media-Benützer vor allem Inhalte wiedergeben, die von tradtitionellen Medien erstellt worden waren. Die abenteuerliche Behauptung, Bewegungen wie der «arabische Frühling» seien durch «Social Media» ausgelöst worden, wurde widerlegt.

Raum 6

Facebook-Depression und Twitterstress: «Social Media» und Gesundheit

Das Surfen in «Social Media» ist unterhaltsam, hat jedoch auch ein grosses Suchtpotenzial. Denn diese Netzwerke erwecken den Eindruck, einsame Menschen könnten dank ihnen schnell und unkompliziert Freunde finden. Psychologen warnen aber, dass das ein Trugschluss ist. Denn virtuelle Beziehungen sind nicht vollwertig, die physische Interaktion – vom Lächeln bis zur Umarmung – fehlt völlig, und die Kontakte finden in oft in der Öffentlichkeit statt, die Privatsphäre ist nicht gewahrt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass «Social Media» Stress auslösen bei den Benützern. Negative Kommentare machen manche Benützer unglücklich, besonders empflindliche Menschen geraten in Depressionen. Ein besonders tragisches Beispiel: Eine kanadische Schülerin brachte sich um, nachdem sie von einem Chatbenützer wegen eines Nacktfotos erpresst worden war.

Raum 7

Gib mir deine Daten: Das Geschäft mit «Social Media»

Benützer freuen sich, dass sie «Social Media» gratis benützen können. Doch immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Benützer einen hohen Preis bezahlen, allerdings ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn die Betreiber der «Social-Media»-Plattformen verdienen viel Geld, indem sie die Daten ihrer Benützer sammeln und weiter verkaufen. Die Experten Jaron Lanier und Hannes Grassegger fordern deshalb, dass die Benützer für ihre Daten eine faire Entschädigung bekommen.

Foto: Andreas Gossweiler

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4 Antworten zu Entwurf für ein Social-Media-Museum

  1. Miriam Keller schreibt:

    Interessanter Gedanke, das Thema Social Media einmal aus einer anderen Warte zu betrachten. Einige der Beispiele/Exponate kannte ich noch nicht, da gäbe es bei einer weiteren Vertiefung der Idee sicher noch mehr zu entdecken (und genau dazu ist ein Museum ja da).

    Allerdings kommen all diese Räume eher kritisch/mahnend/negativ rüber und blenden sämtliche positiven Aspekte von Social Media aus. Das kann natürlich Ihre Absicht sein, wird der Realität aber kaum gerecht. Wie wäre es wenn
    – jeder Raum (soweit thematisch sinnvoll) sowohl Licht- wie auch Schattenseiten beleuchten würde
    – ein paar zusätzliche Räume sich den positiven Seiten widmen würde (zum Beispiel Menschen welche sich via Social Media kennen- (und evtl sogar lieben-)gelernt haben oder Projekten welche dank Social Media und Kickstarter finanziert wurden)

    • silvertrain64 schreibt:

      Danke Miriam Keller für den Input!
      Es ist meine Absicht, das Thema kritisch zu beleuchten – alle Themen verdienen kritische Gedanken. Sicher gibt es auch positive Aspekte, die man ebenfalls in die Überlegungen einbeziehen sollte. Mein Text ist nur ein erster, spontaner Entwurf, kein definitives Konzept.
      Dass man sich über Social Media kennen lernen kann, halte ich für möglich, es dürfte aber ebenso die Ausnahme sein wie die Leute, die via Social Media berühmt werden oder einen Skandal aufdecken.

  2. bruderbernhard schreibt:

    Das hat jetzt schon a weng Schlagseite da. Ich hab ja mal meinen positiven Aspekt des Netzes hier kommentiert (Weiterbildung, Faktencheck). Oder all die Sekten, deren Macht darauf beruht, dass ihre Mitglieder ja nicht mit der Aussenwelt in Kontakt kommen, weil sie sonst zu zweifeln begännen. Das ist aber unterdessen flächendeckend passiert. Scientology, Zeugen Jehovas, Mormonen, Homöopathen, Anthroposophen haben erstmals ganz grosse Probleme mit der Glaubwürdigkeit. Austritte, Abfälle von der reinen Lehre, es bröselt dort ganz massiv. Einen negativen Aspekt hingegen darf ich noch beisteuern: Hast Du ein Problem, findest Du mit Sicherheit eine Erklärung dafür im Netz. Du bist überbegabt und man hat es nicht erkannt, beispielsweise. Darum bist Du oder warst Du Aussenseiter. Oder es sind die Gluten, die dir so aufs Gemüt schlagen. Letzteres ist ja im Moment extrem, man findet fast kein Kochrezept mehr, wo nicht erwähnt wird, man könne dann dies und das weglassen, und dann sei es auch gar nicht mehr gesundheitsschädlich. Das hat viele Folgen, die wichtigste: Essen wird zur ständigen Gefahr, von abverheiten Einladungen ganz zu schweigen. Man wendet sich nach innen, sucht und grübelt, selbstoptimiert sich bis zur Karikatur. Oops, kaum kommt man ins Schreiben, schon kriegt man Schlagseite. Dennoch: Diese Glutenhysterie gäbe es nicht ohne Netz. Und dann stellt sich heraus, ebenfalls im Netz, dass praktisch all diese Hysteriker gar nicht wissen, was Gluten ist. Dann geht es uns allen schon wieder gut, denn: Lachen ist gesund.

    • agossweiler schreibt:

      Danke Hotcha für Deinen wie immer gehaltvollen und träf formulierten Kommentar. Dass Zeugen Jehovas wegen dem Internet Probleme haben, finde ich eine interessante Hypothese, aber sie dürfte schwierig zu beweisen sein. Dass es ohne Internet keine Glutenhysterie gäbe, wurde bisher auch noch nie schlüssig bewiesen. Es stimmt jedoch durchaus, dass viele Menschen im Internet Gesundheitsinformationen suchen und auf falsche Pfade geraten. Aber diese These hätte ja dann auch a weng Schlagseite, nicht?

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