Twitter: Versuch einer Bilanz

Als ich mich vor ein paar Jahren entschloss, ein Twitterkonto zu eröffnen, war ich keineswegs überzeugt vom Nutzen dieses Mediums. Ich war halb amüsiert, halb befremdet ab den Botschaften, die auf Twitter verbreitet wurden. Mir war nicht klar, welchen Sinn diese Sache haben sollte und ob ich einen Nutzen daraus ziehen könnte. Gleichzeitig nahm ich eine gewisse Aufbruchstimmung wahr: Es schien, dass man bei Twitter dabei sein müsse, weil hier das Neue, das Aufregende passiert. Mit einer Mischung aus Neugier, Faszination und Skepsis eröffnete ich ein Twitterkonto. Für mich war das ein Experiment. Im Prinzip ging ich zu Twitter, um es auszuprobieren. Nicht, weil ich überzeugt gewesen wäre, dass Twitter für mich unersetzlich sei. Manche vertraten die Meinung, man könne Twitter nur verstehen, wenn man selbst dabei ist. Ob das stimmt, weiss ich immer noch nicht. Ich halte es für möglich.

Damals gab es schon einige Twitterkoryphäen, die den Takt angaben. Es war nicht schwierig, ihrem Beispiel zu folgen und sich in der Twitterwelt zurecht zu finden. Ich merkte schnell, um was es ging: Der durchschnittliche Twitterer mixte Links zu aktuellen Zeitungstexten mit möglichst spritzig formulierten eigenen Gedanken und Retweets, also Links zu Botschaften anderer Twitter-Nutzerinnen und –Nutzer. Bald begann mir die Sache Spass zu machen. Mir gefiel die Möglichkeit, mit 140 Zeichen einen träfen Spruch zu gestalten. Das gelang mir ab und zu, wie ich finde, nicht schlecht. Zwar wurden, soviel ich weiss, nie Sprüche aus meiner Küche als «Tweet der Woche» in der Sonntagspresse abgedruckt. Aber andere Nutzerinnen und Nutzer retweeteten meine Sprüche, und zweimal druckte der Tages-Anzeiger meine Kurztexte auf seiner Leserbriefseite ab, übrigens ohne mich um Erlaubnis zu fragen – eine Praxis, die bei Twitter offenbar als normal betrachtet wird.

Ich nutzte auch die Möglichkeit, mit anderen Twitterern zu diskutieren. An Stoff mangelte es nicht. Mehr oder weniger virtuos hangelte ich mich durch verbale Pingpongspiele, die ein Dutzend mal oder mehr hin- und her gingen. Ich merkte aber bald, dass solche langen Debatten nicht bei allen Nutzern gut ankamen. Denn anscheinend waren diese Pingpongspiele in voller Länge bei allen Followern zu sehen, obwohl jeweils nur der Name des Diskussionspartners vor der Botschaft stand. Ich muss gestehen, dass ich nie ganz verstand, warum das so ist. Andere Nutzer protestierten dann, sie seien nicht interessiert an überlangen Diskussionen, was ich verstand. Als Faustregel galt, dass man nach vier Antworten schweigen sollte. Ich versuchte mich daran zu halten, was manchmal gelang.

Ein anderer Punkt machte mir zunehmend zu schaffen: Ich verstand bald, dass bei Twitter Weltanschauungen hart aufeinander prallen, die keineswegs zusammen passen. Von ganz links bis ganz rechts gibt es alles bei Twitter. Doch die Fraktionen sind nicht säuberlich getrennt, sondern oft nur einen Mausklick oder ein Retweet weit entfernt. Das hat mich nicht wenig erstaunt. Twitterer mit moderater, liberaler Gesinnung plauderten manchmal freundschaftlich mit anderen Nutzern, die ganz offen rassistische oder homophobe Botschaften von sich gaben. Es gebe in der Schweiz «balkanesische Quartiere, aus denen Schweizer vertrieben werden», stand da zu lesen. Ein anderer meinte, es entspreche «nicht der Schweizer Eigenart, andere auf der Strasse zu berauben.» Einmal hiess es, der islamische Prophet Mohammed sei «pädophil und wahnsinnig». Manchmal liess ich mich auf Diskussionen mit den Urhebern rassistischer Botschaften ein. Diese Diskussionen verliefen nie produktiv. Doch auf eine Art faszinierte mich auch, mit welchem rhetorischen Schwung und Engagement die nationalkonservativ gesinnten Twitterer ihre Anliegen formulieren. Mir schien, dass meine eigene Fraktion nicht annähernd denselben rhetorischen Schwung aufbringt. Ich weiss nicht, woran das liegt.

Unproduktiv waren auch Diskussionen mit Personen, die aus dem Internet eine Religion machen – das heisst: mit Twitterern, die das Internet als heilsbringend betrachten und auf Kritik an gewissen Aspekten der Internet-Nutzung allergisch reagieren. Mit diesen Personen diskutierte ich besonders leidenschaftlich, jedoch rückblickend betrachtet, ebenfalls ohne irgendwelche interessanten Resultate.

Mir ist auch ganz generell aufgefallen, dass sich bei Internetportalen jeder Art bald Gruppen von Nutzern bilden, die relativ eng kooperieren. Das habe ich bei Internetforen zu verschiedenen Themen beobachtet, und ich merkte, dass das bei Twitter nicht anders ist, obwohl Twitter thematisch völlig offen ist. Leider merkte ich auch, dass mein Talent für die Gruppenbildung im Internet nicht gross ist. Ich war auch nie besonders daran interessiert, Teil einer Internetgruppe zu werden. Ich schätze die geistreiche, humorvolle Interaktion mit ähnlich gesinnten Menschen, aber das waren meistens Twitterer, die nicht Teil eines grösseren Verbandes sind.

Mit der Zeit wurde es mir zur festen Gewohnheit, mich in den nie versiegenden Twitterstrom einzuklinken und da eine Botschaft zu formulieren, dort einen Kommentar anzubringen oder ein Sternchen anzuklicken als Zeichen der Sympathie. Ich bin der Meinung, dass es mir gelang, eine unverwechselbare Twitterpersönlichkeit zu schaffen. Zu schaffen machte mir aber auch die Aggressivität, die ich da und dort wahrnahm. Ich vermute stark, dass der hauptsächliche Grund für diese Aggressivität darin liegt, dass sich bei Twitter Menschen begegnen, ohne sich physisch gegenüber zu stehen. Wenn man sich in die Augen schaut, würde man einiges weniger scharf sagen, als man es auf Twitter schreibt.

Der Shitstorm, der am letzten Wochenende über mich hereinbrach, hat mich überrascht. Es liegt in der Natur von Shitstorms, dass sie nicht angenehm und fair verlaufen, aber sie gehen auch wieder vorbei. Vielleicht hatte dieser Shitstorm auch seine heilsame Seite – nämlich die folgende: Er hatte zur Folge, dass ich mir ganz grundsätzlich überlegte, wie meine Zukunft auf Twitter aussehen soll. Ich habe zwar meine Präsenz auf Twitter im Lauf der Zeit immer wieder neu justiert und angepasst. Aber mir wurde klar, dass jetzt eine deutliche Zäsur nötig ist. Ich werde in Zukunft keine Diskussionen mehr führen mit Twitterern, die ein diametral anderes Weltbild haben. Ich werde keine Kommentare zu Tweets solcher Nutzerinnen und Nutzer schreiben. Das ist nicht nur ein frommer Vorsatz, sondern ich praktiziere diese neue Zurückhaltung seit dem Wochenende, und ich fühle mich seither enorm befreit. Ich fühle mich befreit vom selbst auferlegten Druck, auf rassistische Tweets empört zu reagieren. Auch befreit von der Idee, Internet-Religiöse mit der Eindimensionalität ihrer Sichtweise zu konfrontieren. Ich werde das nicht mehr machen. Die Diskussionen im Internet haben viel zu viel böses Blut geschaffen. Ich bin auch durchaus bereit, meine eigene Rolle dabei kritisch zu reflektieren.

Es tut mir leid, wenn ich Menschen mit getwitterten Worten verletzt habe. Das war nicht mein Ziel, als ich ein Twitterkonto eröffnet habe. Zwar ist es so, dass andere Twitternutzer mich schon lange vor dem Shitstorm mit rüden Worten bedacht haben, aber das darf kein Grund sein, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, weil das nichts bringt.

Vielleicht werde ich mein Konto eines Tages löschen, vielleicht werde ich es behalten. Das weiss ich noch nicht. Sicher ist: Von Kommentarschreiben und Diskutieren habe ich gründlich die Nase voll. Ich werde das ab sofort nicht mehr machen – weder mit Twitterern, die rassistische Sachen schreiben noch mit solchen, die aus dem Internet eine Religion machen. Beide publizistischen Kategorien finde ich nach wie vor befremdlich, aber ich werde mein Befremden nicht mehr ausdrücken. Die Mischung aus Faszination und Irritation, mit der ich Twitter vor ein paar Jahren erstmals betreten habe, ist immer noch da, nur ist die Irritation im Lauf der Jahre grösser geworden und die Faszination kleiner. Aber ich werde mich fortan hüten, meine Irritation zu formulieren, denn es hat nichts gebracht ausser bösem Blut, und dafür bin ich nicht Twittermitglied geworden. Ich habe gemerkt, dass ich die Dinge, die mich bei Twitter irritieren, nicht ändern kann, indem ich dagegen anschreibe. Es gehört zur Natur von Twitter (falls man von einer Natur sprechen will), dass hier Dinge zur Sprache kommen, die nicht zusammen passen. Ich werde nicht mehr versuchen, das zu ändern. Von dieser Idee bin ich jetzt gründlich geheilt.

Text: Andreas Gossweiler

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3 Antworten zu Twitter: Versuch einer Bilanz

  1. Pingback: Twitter als Spiel um die Deutungshoheit | Schule und Social Media

  2. hotcha schreibt:

    Na, hier draussen hat man den Shitstorm nicht mitbekommen. Das ist ja eben grad das verrückte an diesem SocialMediaWesen, dass vieles sich innerhalb einer Filterblase abspielt, weltweit vernetzt und doch abgeschottet. Wie hoch gingen doch die Wogen noch vor anderthalb Jahren, als in Deutschland die Piraten sich in internen Kämpfen in Grund und Boden kartätschten. Als Listen von Leuten zirkulierten, die man blocken soll. Als reihenweise Blogs dazu übergingen, keine oder nur noch jubelnde Kommentare zuzulassen. „Super Artikel“, „gut gesagt“ und derlei Peinlichkeiten mehr. Das hat diese neuen Formen der Publikation ziemlich kaputt gemacht, um das Twitterkonto ist es also kaum schade. Abgesehen davon, dass für nicht-Twitterer eine irgendwie auch nur entfernt interessante Debatte nie wirklich auszumachen war. War also wohl schade um die Zeit.
    Es gab mal eine Zeit, da habe ich per Blogdebatten viel gelernt. Mein Bücherwissen vom Stand der 80er Jahre aufgefrischt. Ich kann es selber kaum glauben, dass ich das hier hinschreibe… Das war eine tolle Periode. Mit dem Aufkommen von Twitter hatte sich das nach und nach selbst erledigt.

    • silvertrain64 schreibt:

      Herzlichen Dank Hotcha für Deinen Kommentar. Wenn man den Shitstorm «hier draussen» nicht mitbekommen hat – umso besser.

      PS: mal schauen, wie das System meine Antwort verarbeitet – auch für mich als Blogowner ist es nicht einfach, einen Text in die Kommentarfunktion reinzubringen. Das Ding funktioniert schlecht. Es heisst: «Du musst dich einloggen, weil xxxxxxxxx@xxxxxxxx.xx von einem Account benutzt wird, in dem du gerade nicht angemeldet bist.». Absurd!

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