Das rituelle Imhof-Bashing

Immer wenn das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich im Herbst das Jahrbuch «Qualität der Medien» veröffentlicht, geht das rituelle Aufheulen wieder los. Es stammt vor allem von Journalisten, die für Gratismedien arbeiten, und auch von Journalisten, die für Bezahlzeitungen arbeiten, deren Verlage auch Gratismedien herstellen. Vor allem im Haus Tamedia hat es Tradition, das Jahrbuch zu schmähen. Im Off-The-Record-Blog übernimmt Tages-Anzeiger-Redaktor Christian Lüscher heuer den Part. Er schlägt einen spürbar härteren Ton an als andere Kommentatoren vor ihm.

Leider beschränkt sich Lüscher nicht auf sachliche Kritik am Jahrbuch, sondern attackiert den Soziologieprofessor Kurt Imhof, treibende Kraft des FÖG. Lüscher erwähnt eine Anfrage, die er vor drei Jahren an Imhof gerichtet habe. Stein des Anstosses: Imhof habe damals den «Blick am Abend» kritisiert. Was genau daran problematisch sein soll, bleibt nach der Lektüre von Lüschers Text schleierhaft. Lüscher liefert die Kontextinformationen nicht, die dringend nötig wären, um zu verstehen, was genau der TA-Journalist dem Soziologen vorwirft. Er setzt keinen Link. Wenn man als Journalist Vorwürfe publiziert, ohne den Kontext zu erklären, betreibt man Stimmungsmache, nicht Aufklärung. Das nützt den Leserinnen und Lesern nichts.

Die schleierhafte Episode aus dem anno domini 2011 nutzt Lüscher als Einstieg, um zu erklären: «Seither bin ich gegenüber Imhof skeptisch.» Und er legt gleich nach mit einer weiteren Attacke gegen die Person: Imhof «gefalle sich in seiner Rolle», als Professor «jährlich den Notstand der Medien auszurufen.» Für sich nimmt Lüscher hingegen in Anspruch: «Ich argumentiere als aufmerksamer Zeitungskonsument mit gesundem Menschenverstand.» Wenn ich das lese, kommt mir Adornos Bonmot vom «durch seine Gesundheit erkrankten Menschenverstand» in den Sinn. Der Vollständigkeit halber müsste Lüscher anfügen, dass er nicht nur Konsument ist, sondern Zeitungsmacher in einem Medienkonzern, der auch ein Gratisblatt herausgibt.

Nach den persönlichen Angriffen kommt Lüscher zum eigentlichen Thema, nämlich zur Qualität der Medien. Für Lüscher ist klar: «Die Medien sind nicht schlimmer geworden.» Er lese heute «deutlich mehr und ausgewählter.» Und der Journalismus sei «überraschender und tiefgründiger» geworden.

Ähnlich klingen Verlautbarungen von Verlagsmanagern, die verkünden, trotz massivem Personalabbau auf den Redaktionen sei die Qualität der Medien nicht schlechter oder sogar noch besser. Wie wenn das möglich wäre. Wie wenn die Leserinnen und Leser nicht täglich sehen könnten, dass  ein ausgedünnter Personalbestand inhaltlich immer flachere Medienprodukte zur Folge hat, haben muss.

Lüscher frohlockt, dank Twitter und Facebook könne er «auf der ganzen Welt journalistische Perlen finden.» Zwar stimmt es, dass qualitativ hochstehende Zeitungen wie der Guardian im Internet ihre Leistungen gratis anbieten. Wie der Guardian das Gratisangebot längerfristig finanzieren kann, ist schleierhaft. Die Leistungen des Guardian sind sicher eine spannende Ergänzung, aber kein Ersatz für Schweizer Zeitungen, die wegen Sparrunden inhaltlich dünner werden.

Zum Schluss fordert Lüscher, die Journalisten müssten dem Gratisblatt 20Minuten «dankbar sein.» Denn das Gratisblatt habe die Bezahlzeitungen dazu gezwungen, sich «neu zu erfinden.» Mit Verlaub, das ist eine Behauptung, die grundlegende wirtschaftliche Mechanismen ausser Acht lässt. Die Gratiszeitungen haben dazu beigetragen, dass Bezahlmedien sich wirtschaftlich im freien Fall befinden und immer mehr Seiten mit immer weniger Personal füllen müssen. Von einem Journalistenkollegen würde ich erwarten, dass er diese Mechanismen kritisch betrachtet, statt die beschwichtigende Perspektive der Konzernbosse zu verbreiten. Wahr ist: Der Tages-Anzeiger hatte schon vor 30 Jahren viele fundierte Hintergrundberichte, nicht erst seit die Tamedia 20Minuten übernahm. Vor 30 Jahren waren die Hintergrundberichte aber tiefgründiger und zahlreicher als heute.

Christian Lüscher leistet der Medienbranche einen Bärendienst, wenn er die wirtschaftlichen Probleme der Bezahlzeitungen mit Hinweis auf seinen «gesunden Menschenverstand» verniedlicht.

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2 Antworten zu Das rituelle Imhof-Bashing

  1. bruderbernhard schreibt:

    ich versuch’s nochmals, mich hier zum Kommentieren mit meinem WP-Konto einzuloggen, das kann doch nicht so schwierig sein?
    ————————————-
    Um mein französisch aufzupolieren, hatte ich vor ein paar Jahren noch Le Temps abonniert. Und ich war euphorisch, es war mir vorher gar nicht bewusst, welch gute Zeitung die Romands da hatten. Ausführliche Artikel von richtigen Journalisten, täglich mehrere Kolumnisten, die aus ihrem Fach etwas zu berichten wussten, ich habe die Zeitung geliebt, eben weil sie noch so anachronistisch umfangreich war. Heute mag ich sie gar nicht mehr zur Hand nehmen, die Zürcher haben sie erfolgreich ausgedünnt, wenn auch noch nicht saniert. Das kommt noch.

    Andrerseits: War ich früher besser informiert? Ich habe nicht den Eindruck. Seit 40 Jahren lese ich intensiv Zeitung, eine Zeit lang gar beruflich (Archivar hahaha im Keller Minelli in Ordner ablegen etc.). Die Presse war fest in bürgerlicher Hand, Gegenöffentlichkeit war schwach. Bis Schawinski mit seinem konsumentenorientierten Boulevard auftauchte. Auch nicht grad die Art von Information, die im RückblIck schampar wichtig scheint. Drüsen in Ravioli.

    Ich habe in den letzten Jahren Infos gefunden, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Obskurantisten haben es heute schwerer, sich der Kritik zu entziehen. Aussagen, Fakten und Ereignisse werden breit diskutiert wie noch nie. Wer will, kann da wirklich profitieren. Im Mainstream der Beliebigkeit haben profilierte Stimmen an Gewicht gewonnen. Allerdings sind es selten mehr Journalisten, sondern Interessenvertreter. Ich höre zum Beispiel gerne zu, wenn Andreas Gross oder Christian Lüscher (der NR!) am Radio Romand reden, und ich erfahre fast immer etwas, man muss ja nicht mit allem einverstanden sein. Kurz: Die Information findet immer noch statt, aber die Kanäle sind nun zur Hauptsache anderswo. Widerlich sind diese Mediendynastien, die alteingesessenen Verlegerfamilien mit ihren Millionenliegenschaften im Stadtzentrum, Ausdruck eines über die Jahrzehnte gescheffelten Vermögens, das zum grössten Teil eben nicht ihnen, sondern jenen gehört, die gearbeitet haben.

  2. silvertrain64 schreibt:

    Danke Bruder Hotcha fürs Kommentieren trotz aller Einloggprobleme. Ich kann Dir sagen, auf der Produzentenseite siehts nicht viel anders aus. Nur mit viel Erfindergeist kann man Fotos raufladen, und aus irgendwelchen Gründen ist die Textspalte im Eingabefenster plötzlich enorm schmal geworden. Diese Bloggersoftware ist eine wahre Wundertüte.

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