Balduin – die tollste CH-Einmann-Band

IMG_0606Ereignis 1: Zum ersten Mal seit ca 20 Jahren habe ich eine Platte von einem Schweizer Musiker gekauft. Ereignis 2: Zum ersten Mal in diesem Jahr habe ich eine neue Platte gekauft. Die neue Platte des Berner Musikers Balduin. Eigentlich heisst er Claudio Gianfreda. Aber das ist egal. Balduin passt besser zu diesem kreativen Multiinstrumentalisten.

Balduin ist ein Phänomen: Er lebt – musikalisch gesprochen – im Jahr 1967. Bei ihm zirpen Sitars, schwirren Rückwärtsgitarren, wabert das Mellotron, dass es einem warm ums Herz wird, und er verbreitet die euphorische Stimmung, die auf epochalen Platten wie «Sergeant Pepper», «The Notorious Byrd Brothers» oder «Their Satanic Majesties Request» zu spüren war. Und bei alledem ist Balduin kein Nostalgiker. Er hat die 1967er Euphorie, die der knapp 36-Jährige nur von Tonträgern kennt, verinnerlicht und benützt diese musikalischen Zeichen so kreativ, dass etwas Neues, Eigenes entsteht. Wenn Balduin 1967 Platten gemacht hätte, hätte er den Titel «Swiss Beatles» mehr verdient als die Sauterelles. Er emuliert aber die Beatles nicht, sondern schafft eine höchst originelle Musik. Was den Sauterelles nur mit Mühe gelang.

Balduin spielt alles selbst: von Gitarren und Bass über alle möglichen Tasteninstrumente bis zur Sitar und Drums. Andere Einmann-Bands tönen oft etwas eindimensional. Nicht so Balduin. Er ist so kreativ, und er spielt alle Instrumente genug gut, dass eine runde Sache entsteht. Jedes Stück klingt überraschend. Und die Studioproduktion ist enorm einfallsreich.

Leider ist Balduin fast unbekannt. Keine Zeitung hat bisher seine Platten besprochen, obwohl er schon seit 20 Jahren musiziert. 2009 brachte er seine ersten Werke unter dem Titel «Rainbow Tapes» als LP heraus. Der Sound dieser Tapes ist ein wenig rauher, aber die musikalische Einfallskraft ist genauso sprühend. Als Songschreiber ist Balduin raffinierter geworden. Auf seinen ersten Werken merkte man die Inspirationsquellen deutlicher: ein Stück klingt sehr wie «Lucy In The Sky With Diamonds», andere wie Songs von Grateful Dead oder Small Faces. Das ist vorbei. Auf seinem neusten Werk klingt alles wie Balduin. Die Rhythmusgruppe (Bass: Balduin, Drums: Balduin) klingt leicht modernisiert, stampfender.

Erwähnung verdient auch das supercoole Grafikdesign der LP-Hülle. Mit der psychedelisch verzerrten Schrift und der Fotocollage erinnert auch das Design stark an Platten der sechziger Jahre. Aber mit den leuchtorangen Farbakzenten sieht das Ganze auch sehr aktuell aus. Gestaltet wurde die Hülle von Lopetz vom famosen Büro Destruct.

Dass Balduin ein enorm einfallsreicher Klangmaler ist, haben auch Filmregisseure gemerkt. So hat Balduin unter anderem den Filmsoundtrack des neuen Dokumentarfilms «Electroboy» von Marcel Gisler komponiert, der Ende Oktober in die Kinos kommt. Hoffentlich gibts davon dann auch eine Platte. Ich würde sie sofort kaufen, wie alle Platten von Balduin.

Balduin: «All In A Dream», LP, Sunstone Records 2014

Marcel Gisler: «Electroboy», 2014

Über agossweiler

Journalist
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