Reise zur finnischen Tangoszene

galerie_03Für Aki Kaurismäki ist klar: Die Finnen haben den Tango erfunden. Von Ostfinnland sei er zur finnischen Westküste gewandert, und von dort hätten ihn Matrosen über das Meer nach Buenos Aires gebracht. Das sagt Kaurismäki laut und deutlich im neuen Film «Sommernachtstango». Das Gleiche gelte auch für den Walzer. Den hätten nicht nur die Argentinier, sondern auch die Österreicher von den Finnen geklaut.

So weit, so witzig. Die deutsche Regisseurin Viviane Blumenschein hatte die begrüssenswerte Idee, aus dem Verhältnis zwischen dem finnischen Tango und dem argentinischen Tango einen Film zu machen. Sie lud drei argentinische Tangomusiker zu einer Exkursion in die finnische Tangoszene ein.

Die Exkursion beginnt nicht besonders gut. Zuerst landet unser Tangotrio in der finnischen Pampa, in einem Tanzschuppen der spiessigen Art. Die tanzen nicht richtig, finden die Musiker. Die Finnen können nicht mal Ochos tanzen, die schwungvolle Tanzfigur, die zum Kernrepertoire der argentinischen Tanzschritte gehört. Und das Durchschnittsalter des Publikums ist unglaublich hoch. Die Argentinier einigen sich schliesslich darauf, den finnischen Tanzstil zu akzeptieren: Die tanzen nicht falsch, sondern anders.

Auch der Besuch beim finnischen Tangosänger M. A. Numminen überzeugt das Trio aus Buenos Aires nicht ganz. Für die Völkerverständigung hilft es kaum, dass Numminen sich in ein Hasenkostüm zwängt. «Du wärst ein grosser Erfolg bei einer Milonga in Buenos Aires», flachst Bandoneonspieler Diego «Dipi» Kvitko.

Der weitere Verlauf der Reise gerät zur mittleren Katastrophe. Mitten in den unendlichen Wäldern verfahren sich die drei Argentinier. «Warum bin ich hierhin gekommen? Ich will sterben», seufzt Sänger Walter «Chino» Laborde. Der Besuch bei einer Gesangslehrerin auf dem Land tut wenig, um die Stimmung der Reisegruppe zu heben. Die argentinischen Musiker finden alles zu ruhig: Ruhige Wälder, ruhige Strassen, ruhige Seen, ruhige Finnen, kaum auszuhalten, wie ruhig alles ist.

Doch die Reise hat ein Happy End. Es heisst Reijo Taipale. Der 74-jährige Finne sei ein Superstar, raunen die Musiker im klapprigen Auto, in dem sie zu ihm fahren. Zusammen mit Taipale intonieren sie den finnischen Tangoklassiker «Satumaa». In diesem Lied gehe es nicht um den üblichen Herzschmerz, erklärt Taipale, sondern um ein fernes Land der Sehnsucht, das der Sänger nur in Gedanken erreichen kann. Das überzeugt die Argentinier. Sie sind nicht umsonst nach Finnland gereist. Sie haben einen Musiker gefunden, den sie als ebenbürtig betrachten.

Viel Neues über die finnische Tangoszene zeigt der Film «Mittsommernachtstango» nicht. Der Film lebt von den improvisierten Begegnungen zwischen den argentinischen und finnischen Musikern. Sie begegnen sich neugierig und respektvoll, aber ohne sichtbare Begeisterung. Erst am Schluss kommt es zur transatlantischen Verbrüderung.   So ist es Viviane Blumenschein gelungen, das Verhältnis zwischen dem finnischen und dem argentinischen Tango auf eine unterhaltsame und humorvolle Art umzusetzen.

Viviane Blumenschein: «Mittsommernachtstango», 2014

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