Züri-Trams für Lyon

Brown-Boveri-Trams der  19040er Jahre: Bild aus Werbebroschüre

Brown-Boveri-Trams der 19040er Jahre: Bild aus Werbebroschüre

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der öffentliche Verkehr in Lyon am Boden. Fast alle Brücken über die Rhone und die Saone waren zerstört. Auf den verbliebenen Schienen fuhren Trams aus dem 19. Jahrhundert. Um das Netz zu modernisieren, schaute sich die Compagnie des Omnibus et Tramways de Lyon (OTL) auch im Ausland um, und wurde fündig in der Schweiz: Im September 1945 reiste eine Delegation aus Lyon nach Zürich, um die neuen Standard-Trams zu begutachten. Die Lyoner waren begeistert: «Les membres de la délégation ont été unanimes à reconnaître que les qualités et les performances de ce matériel conviendraient aux exigences de l’exploitation  de la cité lyonnaise» schrieben sie in einem Bericht.

Es gab nur ein Problem: Die Zürcher Trams fahren auf Gleisen mit Spurweite von einem Meter. In Lyon war hingegen die Normalspur verbreitet (1,435 Meter), die Trams waren aber nur 210 cm breit – zehn cm weniger als die Zürcher Trams. Deshalb verhandelte die OTL mit der Firma Brown Boveri, der Konstrukteurin der Zürcher Trams, über die Lieferung eines Zürcher Trams mit normalspurigen Rädern und 210 cm Breite.

Leider machte ein politischer Entscheid einen Strich durch die Rechnung: Im Dezember 1945 wurde der französische Franc um 50% abgewertet, was den Import von ausländischen Trams fast unmöglich machte. Verzweifelt suchte die OTL nach kreativen Lösungen. Anfang 1946 verlangten die Lyoner bei Brown Boveri eine Offerte für die Lieferung eines meterspurigen Trams, wie es für Zürich serienmässig produziert wurde. Dieses hätte zwar nicht im Zentrum von Lyon fahren können, aber auf meterspurigen Vorortslinien. «Cette solution est évidemment moins intéressante que celle primitivement envisagée… mais elle permet de ne pas rejeter purement et simplement la formule Zürich», schrieb die OTL.

Im Frühling 1946 trafen sich Vertreter von OTL und Brown Boveri in Lausanne. Die Schweizer Industriefirma machte eine neue, billigere Offerte für einen normalspurigen Prototyp. Im Gespräch war auch eine Lösung, bei der die Karrosserie des Trams in Frankreich hergestellt würde. Doch beide Lösungsvorschläge waren zu teuer für Lyon. «Der Traum eines modernen Trams für Lyon war ausgeträumt», schreiben die Autoren des neuen Buches «Lyon en Tram». Lyon favorisierte Auto- und Trolleybusse, und zehn Jahre später wurde das Tramnetz stillgelegt.

Jacques Pérenon, René Clavaud, Robert Chappelet: «Lyon en Tram – au temps de l’OTL (1880 – 1958), Les Editions du Cabri 2014

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