«Wir sind digitale Leibeigene»

Es hat sich herumgesprochen: Internet-Konzerne wie Google, Facebook oder Twitter agieren nicht selbstlos. Zwar ist das Benützen der Internet-Dienste gratis. Aber die Benützer/innen zahlen dennoch einen hohen Preis – indem sie den Datenkraken erlauben, ihre persönlichen Daten abzusaugen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen.

Nachdem jahrelang naive Begeisterung über das «Web 2.0» die Diskussion dominierte, befassen sich Journalisten und Buchautoren zunehmend kritisch mit der Geschäftspolitik der Internet-Giganten. Zwei Paukenschläge setzten vor einem Jahr die Autoren Evgeny Morozov und Jaron Lanier mit ihren Büchern «To Save Everything, Click Here» und «Who Owns The Future». Lanier forderte, dass die Internet-Konzerne die Nutzer/innen für die Daten entschädigen müssen, denen sie ihren Reichtum verdanken.

Im Vergleich zu den rund 400 Seiten starken Ziegeln von Morozov und Lanier nimmt sich Hannes Grasseggers neues Buch «Das Kapital bin ich» vergleichsweise bescheiden aus. Es enthält gerade mal 73 Seiten. Aber Qualität schlägt bekanntlich Quantität. Und ich würde jederzeit auf Jaron Laniers Schreibtisch steigen, um zu sagen: Grassegger schreibt wesentlich besser als Lanier. Wo Lanier sich gefällt mit dem Erfinden von Nerd-Wörtern wie «Siren Server» oder «Vita Bop», gefällt mir Grasseggers metaphernreiche Sprache. Sein Befund kingt dramatisch: «Wir sind digitale Leibeigene.» Grassegger vergleicht die Internet-Nutzer mit besitzlosen Bauern im Mittelalter. So wie die Feudalherren den Bauern Land gaben und dann einen Teil der Ernte verlangten, stellen die neuen «Herrscher des Cyberspace» uns Blogs, Chats und sonstige Gefässe zur Verfügung, die wir mit Inhalten füllen dürfen. Doch Grassegger stellt klar: «Das ist kein Handel. Das ist auch kein Markt – es ist ein Hold-Up.» Denn die Datenkraken behandeln uns mindestens so mies wie die früheren Feudalherren: «Man lockte uns mit neuem Land, das wir beackern durften, mit Plattformen – und behielt im Gegenzug die Ernte: unsere Gedanken und Gefühle.»

Klar: «Das Kapital bin ich» ist inhaltlich stark beeinflusst von «Who Owns The Future». Lanier kritisierte schon vor einem Jahr: «People offer an amazing amount of value over networks. But wealth flows to those who aggregate and route those offerings.» Bei Grassegger klingt das so: «Wir wollten teilen. Jetzt gehört alles ihnen und uns nichts.» Doch Grassegger ist kein Lanier-Nachbeter. Auf witzige Art dekonstruiert er den kalifornischen Internet-Guru. Laniers Vorschlag, die Internet-Nutzer sollten im Gegenzug für ihre Daten «micropayments» erhalten, zerzaust Grassegger als «illusorisch». Das sei als «harter Schlag gegen das Silicon Valley» getarnt, aber in Tat und Wahrheit «nur die Vollendung der Monopol-Träume der neuen Feudalisten.»

Grassegger denkt einen Zacken weiter: Er fordert uns auf, unsere Daten erst dann herauszugeben, wenn ein akzeptabler Gegenwart fliesst. Er rechnet vor, alle Europäer/innen könnten pro Monat rund 250 Dollars verdienen, wenn sie ihre Daten selber vermarkten würden, statt sie kampflos den Internet-Konzernen zu überlassen. Ob das weniger illusorisch ist als Laniers Idee, weiss ich nicht. Sicher hat Grasseggers Idee den Vorteil, dass es digitale Hilfsmittel wie Verschlüsselungs-Software bereits gibt. Aber wie es gelingen könnte, mehr als eine Handvoll Internet-Freaks dazu zu bewegen, solche Hilfsmittel zu verwenden, ist unklar.

Was mir neben der virtuosen Sprache auch gut gefällt an «Das Kapital bin ich», sind die vielen Literaturhinweise. Die Verweise auf Internet-Theoretiker wie Franco Berardi oder Bruno Latour regen an, auch deren Bücher zu lesen (wer «Who Owns The Future» noch nicht kennt, sollte das sowieso schleunigst nachholen). Schade ist nur, dass das Lektorat ein wenig nachlässig war. So wird ein ganzer Textteil zweimal fast wörtlich wiederholt (der «Plot für den nächsten James Bond: Dr. No kauft sich Facebook» und der Hinweis auf «virtual kidnapping» in Mexico). Das ändert nichts daran: «Das Kapital bin ich» bietet grossen Lese- und Nachdenkgenuss.

Disclaimer: Dass Hannes Grassegger hervorragend schreiben kann, weiss ich, seit er einen meiner Blogtexte für die Zeitung «Südostschweiz» veredelte, bei der er damals als Redaktor arbeitete.

Hannes Grassegger: «Das Kapital bin ich», Kein & Aber Verlag 2014

Über agossweiler

Journalist
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