«Du willst sie doch wiedersehen»

Bähnler leben gefährlich. Schon 1830 bei der Eröffnung der ersten öffentlichen Eisenbahnlinie Liverpool – Manchester wurde der englische Politiker William Huskisson von der legendären Lokomotive «Rocket» überfahren, als er dem Duke of Wellington die Hand schütteln wollte.

Die Deutsche Bundesbahn wollte die Unfallgefahr vermindern, in dem sie in den 1950er und 1960er Jahren Unfallschutz-Kalender verteilte.  Wie kann man Unfälle vermeiden? Für die Autoren des Kalenders war das ideale Rezept bald gefunden: Frauen sollten es richten. In immer neuen Variationen appellierten die Kalender an die Sympathien der Bahnmitarbeiter für Ehefrauen, Freundinnen und Frauen im Allgemeinen.

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Auf dem Titelbild des Unfallschutz-Kalenders 1957 verabschiedet sich ein Bähnler in Uniform von Frau und Kind, unter dem Titel: «Denke an uns – sei vorsichtig!» In einer anderen Ausgabe des Kalenders sehen wir eine adrett gekleidete Hausfrau, die den Tisch deckt. Bildlegende: «Sie wartet auf ihn. Ein Unfall kann diese Harmonie empfindlich stören!» Dem Heizer einer Dampflokomotive trichterte die Bahn ein: «Du willst sie doch wiedersehen! Arbeite unfallfrei!» Daneben montiert ist das Porträt einer attraktiven Blondine, die sich auf einer Parkbank räkelt. Zu spät kam die Aufforderung, unfallfrei zu arbeiten, für einen fiktiven Kollegen im Spitalbett. Über ihn berichtete der Kalender: «Eigentlich wollte er mit „ihr“ verreisen… Jetzt kann er seinen Urlaub in den Rauch schreiben, denn er hätte schon vor dem Überschreiten der Gleise nach links und rechts sehen müssen!»

Doch Frauen warten laut dem Unfallschutz-Kalender nicht nur zuhause auf ihre Bähnler – manchmal verursachen sie auch Unfälle, zumindest indirekt. Dem fiktiven Bahnmitarbeiter Anton wurden seine amourösen Gefühle zum Verhängnis. «So verloren stand und träumte er von seinem Liebesglück, dass er das Signal versäumte für den Zug aus Osnabrück.» Immerhin hat Anton was gelernt. Noch auf dem Weg ins Spital schwört er: «Niemals, sprach er voller Reue, dieses eine ist gewiss, sei mir meine Liebestreue dienstlich noch ein Hindernis.»

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Quelle: EisenbahnGeschichte Nr. 64, Juni/Juli 2014

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