«Wann hat man das Recht, allein zu sein?» – Mobile Kommunikation und soziale Kontrolle

Ein Team von Schweizer Linguistiker/innen ist zur Zeit daran, die Unterschiede zwischen der Kommunikation mit SMS und WhatsApp zu erforschen. Im Vordergrund steht die Frage, wie sich die Sprache durch die mobile Kommunikation verändert.

Spannend finde ich vor allem einen anderen Aspekt der mobilen Kommunikation: der Erwartungsdruck. Die Forscherinnen Christa Dürscheid und Karina Frick beschreiben diesen Druck wie folgt:

– Bei SMS weiss man nicht, ob der Empfänger die Nachricht gelesen hat. «Die soziale Kontrolle ist also nicht so stark wie in der WhatsApp-Kommunikation», schreibt Dürscheid.

– Bei WhatsApp sehen Absender, ob die Nachricht beim Empfänger angekommen ist, und zu welcher Uhrzeit der Empfänger zuletzt online war. Auf den ersten Blick ist das praktisch. Aber diese zusätzlichen Funktionen erhöhen auch den Druck auf die Empfänger, wie Dürscheid erklärt: Wenn man auf WhatsApp nicht sofort antworte, könne das als «negative Beziehungsbotschaft» verstanden werden, sprich: als Unlust, mit dem Sender zu verkehren. Das Resultat: Gefühle der Frustration beim Sender – und möglicherweise auch beim Empfänger.

Auch die amerikanische Psychologin Sherry Turkle beschreibt diesen seltsamen Erwartungsdruck in ihrem Buch «Verloren unter 100 Freunden»: «Ein durch die Technologie ermöglichter Sozialvertrag verlangt ständige gegenseitige Verfügbarkeit.» Turkle hat diesen Druck festgestellt bei Familien: Eltern erwarten, dass ihre Kinder ihre Anrufe aufs Handy annehmen. Falls nicht, geraten Eltern schnell in Panik. Es könnte ja etwas passiert sein. Vielleicht haben die Kids aber einfach das Handy abgestellt, denn auch für sie ist der Erwartungsdruck belastend. «Wann hat man eigentlich das Recht, allein zu sein?» fragt ein gestresster Teenager.

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