Das Internet gesund quatschen

Die Diskussion darüber, wieviel Nutzen und wieviele Schäden das Internet mit sich bringt, hat die Debatte über die Auswirkungen des Fernsehkonsums abgelöst. Einer, der seit Jahren den Nutzen des Internets betont und die Schäden nach Kräften herunterspielt, ist der Lehrer und Blogger Philippe Wampfler. Seit er ein Buch über Social Media in der Schule geschrieben hat, lässt er sich als Social-Media-Experten bezeichnen. Von mir aus ist es OK, wenn man vom Nutzen des Internets überzeugt ist. Doch stimmen die Argumente? Zeit für einen genaueren Blick auf zwei Wampfler-Texte.

Anfang Mai schrieb Philippe Wampfler über das Thema Handysucht.  Schon nach wenigen Zeilen ist die Stossrichtung klar: Wampfler findet die Handysucht nicht so schlimm. Sucht sei ein «Kampfbegriff», schreibt er, mit dem «bestimmte soziale Gruppen und Verhaltensweisen abgewertet» würden. Stimmt das? Natürlich stimmt es nicht. Sucht bezeichnet ein bestimmtes Verhalten, das gekennzeichnet ist durch zunehmenden Kontrollverlust. Alkoholsucht bezeichnet das unüberwindbare Verlangen, sich alkoholische Getränke zuzuführen. Spielsucht heisst, dass man Hunderttausende Franken im Casino verlocht, obwohl man das eigentlich gar nicht möchte. Wenn man von Alkoholsucht, Spielsucht oder irgendeiner anderen Sucht spricht, geht damit keineswegs das Abwerten der Betroffenen einher. Wer ernsthaft behauptet, Sucht sei ein «Kampfbegriff», betreibt deshalb Polemik oder Demagogie. Hier ist das Ziel ganz klar: Der Autor verfolgt das Ziel, die Schäden des Internets (im vorliegenden Fall die Sucht) herunterzuspielen, um den Nutzen umso stärker zu betonen. Andere Autoren gehen wesentlich sachlicher mit dem Suchtbegriff um. Der Neurologe David J. Linden schreibt in seinem Buch «High», dass eigentlich alles, was das Belohnungszentrum im Gehirn stimuliert, süchtig machen kann – von Drogen über Sex bis zur Lektüre spannender Bücher (wobei natürlich nicht alle Tätigkeiten das gleiche Suchtpotenzial haben. Heroin macht sicher schneller süchtig als spannende Bücher). Selbstverständlich kann auch der Gebrauch eines Smartphones süchtig machen. Unsinnig erscheint auch Wampflers Behauptung, digitale Kommunikation sei «oft effizienter und für die Menschen ein Muss, die es sich eben nicht leisten können, mit Freundinnen Kaffee zu trinken.» Wahr ist: Der Kauf und der Betrieb eines Smartphones ist um ein Vielfaches teurer als regelmässige Kaffeekränzchen. Und wer stundenlang auf Twitter oder Facebook hängen bleibt, geht mit seiner Lebenszeit alles andere als effizient um.

Ein weiteres Beispiel für unsachliche Polemik lieferte Wampfler in einem Interview mit dem Boulevardnewsportal Watson. Geradezu devot spricht die Watson-Autorin Philippe Wampfler an – «Ein Experte gibt Auskunft» steht in der Bildlegende, «Interview mit Experte Philippe Wampfler» in der Oberzeile, und im Lead heisst es: «Philippe Wampfler, Experte für Lernen mit neuen Medien, schätzt die Lage in der Schweiz als wenig bedrohlich ein.» Schon bevor der Text begonnen hat, ist die Absicht sonnenklar: Das Internet soll als eine grossartige Sache dargestellt werden, und Probleme, sofern sie vorkommen, sind nur halb so schlimm. Thema des Interviews war das Sexting. Wampfler erzählt der Journalistin, die grosse Mehrheit der Fälle sei «völlig unproblematisch» und Sexting sei «einfach eine Art, wie Sexualität ausgelebt wird.» Und Wampfler wirft Pro Juventute vor, das Thema Sexting «zu dramatisieren». Geradezu haarsträubend wirkt auf mich Wampflers Vergleich mit dem Verkehr: «Im Strassenverkehr ist es ja auch nicht so, dass man jeden Unfall künstlich aufbläst und deswegen in Frage stellt, ob man überhaupt noch mit dem Auto fahren sollte.» Aber hallo?! Im Strassenverkehr ist es so, dass sich die Behörden seit vielen Jahren intensiv überlegen, wie man die Zahl der Unfälle vermindern kann. Deshalb wurden unter anderem die Bussen für Temposünden drastisch erhöht. Nur hartgesottensten Autofans käme es in den Sinn, ernsthaft zu behaupten, Verkehrsunfälle würden «dramatisiert». Es stellt sich die Frage, wer davon profitiert, wenn Wampfler das Thema Sexting so offensiv verharmlost.

Solche Verharmlosungsversuche fallen jetzt auch anderen auf. Der Blogger Christian Füller schreibt in seinem Blog Pisaversteher: «Philippe versucht, das Netz gesund zu quatschen… er wiegt uns in falscher Sicherheit.»

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Eine Antwort zu Das Internet gesund quatschen

  1. bruderbernhard schreibt:

    So schnell wird man zum Experten ernannt. Das allerdings liegt an den Medien. Ein Interview mit einem ‚Experten‘ ist wahrscheinlich einfacher zu machen als das Recherchieren und Schreiben eines eigenen Artikels. Und man will ja dann auch hinschreiben, dass man einen, vielleicht sogar ‚den‘ Experten auf dem Bildschirm hat. Das lädt den Schnellschuss mit Wichtigkeit auf.

    Es gibt halt einen Markt für die ‚Experten‘, Vortragsreisenden, Keynotespeaker. Diese sind halt oft One-Trick-Ponies, mit ein paar griffigen Thesen und Begriffen. Vor ein paar Jahren, vor Snowden, nannten sie sich ja lustigerweise gerne ‚Internet Evangelist‘. Diese Etikette hängt sich glaubs jetzt niemand mehr um.

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