Die Illusion von Authentizität in «sozialen Medien»

Zeitgenossen, die Social-Media-Anwendungen unkritisch als triumphalen Segen bejubeln, vertreten oft die Ansicht, die Kommunikation im Internet unterscheide sich nicht von Gesprächen im «wirklichen Leben». Stimmt das?

Die amerikanische Soziologin und Psychologin Sherry Turkle zeichnet ein differenziertes Bild. Zunächst stellt sie trocken fest: «Wir machen unsere Technologien, und sie machen dafür etwas mit uns». Turkle hat sehr gründlich untersucht, was die neuen Internetkanäle mit uns machen. Sie sprach mit vielen Jugendlichen und Erwachsenen. Und sie fand spannende Dinge heraus.

Sherry Turkles Fazit: «Wir erwarten mehr von der Technologie und weniger voneinander». Die Technologie sei «nützlich für Narzissten».  Denn sie schaffe die «Illusion von Authentizität». Plattformen wie Facebook laden die User laut Turkle dazu ein, ihre Selbstdarstellung öffentlich auszuleben. Die User spielen eine Rolle – sie versuchen, sich als «Online-Mr-Cool» darzustellen. Das empfinden immer mehr User als ausgesprochen stressig.

Stressig ist auch der Umgangston im Netz. «Im Internet ist es einfacher, ein Rüpel zu sein», schreibt die Forscherin. Belastend ist für die User auch das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. «Die Online-Clique ist von erfinderischer Grausamkeit geprägt», schreibt Turkle in ihrem Standardwerk «Verloren unter 100 Freunden». «Man muss aufpassen, was man sagt». Denn der Nachrichtenverkehr bleibt theoretisch ewig lang für alle sichtbar.

Das führt dazu, dass sich User selbst überwachen und ein «vorkorrigiertes Ich» im Netz präsentieren. Jeder wird zu seinem eigenen Polizisten, so Turkle. Damit einher geht auch die «Scheu vor politischer Meinungsäusserung». Denn alle Fehltritte und Jugendsünden sind laut Sherry Turkle «im Computerspeicher festgefroren». Das erzeugt Angst. Eine Userin sagt: «Es ist, als könnte jeden Augenblick jemand auf ein schreckliches Geheimnis stossen». Eine erschütternde Bilanz: «In einem Social-Media-Profil ist kein Platz für Fehler. Man wird auf richtige und falsche Entscheidungen reduziert».

Auch die Vorstellung, im Netz schnell Freunde zu finden, entpuppt sich als trügerisch. «Online-Freunde sind nicht Teil des eigenen Lebens – sie können plötzlich verschwinden». Sie können nicht nur verschwinden, sie tun es auch. Die amerikanische Forscherin warnt: «Die Begeisterung für das Internet hat einen hohen Preis – man übersieht die Konsequenzen». Sie rät deshalb am Schluss ihres sehr lesenswerten Buches: «Wir müssen die Technik in ihre Schranken weisen.»

Sherry Turkle: «Verloren unter 100 Freunden», Riemann Verlag 2012

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