Vom «Ausraster» zur orchestrierten Anti-SRF-Kampagne

IMG_8442«Ueli Maurer verliert in der Rundschau die Beherrschung», titelte der Tages-Anzeiger kurz nach der Sendung. Dem Verteidigungsminister sei beim Interview mit Sandro Brotz «der Kragen geplatzt». Maurer kritisierte, der Rundschau-Beitrag sei «tendenziös», weil die Sendung die Grösse der Schweizer Armeeflugzeugflotte mit den ungefähr gleich grossen Ländern Österreich und Tschechien verglichen hatte, die beide viel weniger Flugzeuge besitzen. Zudem trat in der Sendung ein deutscher Rüstungsexperte auf, der die Meinung vertrat, der Gripen-Kauf sei nicht notwendig. Dessen Auftritt wurde jedoch ausgeglichen durch das ausführliche Interview mit Maurer.

Doch der «Ausraster» war keiner. Ueli Maurer hat nicht während des Interviews spontan die Nerven verloren, wie der Tages-Anzeiger suggerierte. Der Blick enthüllte einen Tag später, dass Maurer bereits vor dem Interview erzürnt war über den Rundschau-Beitrag zum Gripen. Laut Blick reiht sich Maurers SRF-Schelte ein in eine lange Reihe von Angriffen seiner Partei gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, deren Ziel es sei, die Generaldirektion mit einem SVP-Mann zu besetzen.

In der Tat wird aus dem vermeintlichen «Ausraster» eine sorgfältig orchestrierte Kampagne gegen SRF, wenn man sich vergegenwärtigt, was seither passiert ist. Am Ostersamstag meldete der Tages-Anzeiger: «Rundschau-Beitrag löst Rekordmenge an Beschwerden aus». Bei der SRG-Ombudsstelle seien bis Karfreitagabend 27 Beanstandungen eingetroffen. Das klingt nach spontanen Protestnoten von Fernsehzuschauern.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Der Blick recherchierte auch in diesem Punkt genauer. Er fand heraus, dass eine Organisation, die für den Gripen-Kauf lobbyiert, die sogenannte Informationsgruppe Pro Kampfflugzeuge, die Gripen-Befürworter via Facebook zum Schreiben von Protestmails aufgefordert hatte. Hinter der «Informationsgruppe» stehen der ehemalige Zürcher FDP-Gemeinderat Hans-Ulrich Helfer und der Oberstleutnant a.D. Erich Grätzer. Auf ihrer Facebook-Seite rufen Helfer und Grätzer «alle vernünftigen Schweizerinnen und Schweizer auf, sich über die Rundschausendung und seinen Moderator Sandro Brotz zu äussern, zu beschwerden und mit allen zugänglichen und möglichen (legalen) Mitteln gegen solch unwürdigen Journalismus (…) vorzugehen.» Die Junge SVP Biel-Seeland zog nach und rief ihre Mitglieder und Sympathisanten ebenfalls via Facebook auf: «Beschwere auch DU dich beim SRF Ombudsmann (Herr Casanova) und kritisiere die tendenziöse Gripen-Propaganda der Rundschau…» (sic).

Von wegen «Ausraster»: Hinterher mutet das alles wie eine sorgfältig orchestrierte Kampagne an. Zuerst kritisiert der Armeeminister in der Fernsehsendung die Fernsehsendung, und kurze Zeit später zieht die Gripen-Lobby und seine eigene Partei nach und orchestriert eine Beschwerdenflut, die so aussieht, als wäre sie spontan entstanden und drücke den spontanen Unmut vieler Fernsehzuschauer aus. Doch spontan war an dieser SRF-Kritik gar nichts – weder Maurers Auftritt noch die Beschwerdemails.

A propos «tendenziös»: Während der Vergleich der Schweiz mit Österreich und Tschechien auf der Hand liegt, weil alle Länder ähnlich gross sind, fehlen Österreich und Tschechien in der Grafik, welche die «Informationsgruppe Pro Kampfflugzeuge» verteilt. Dort wird die Schweizer Flotte mit hochgerüsteten Ländern wie Russland, Frankreich und Grossbritannien verglichen und der Eindruck erweckt, die Schweiz habe die kleinstmögliche Flotte. Was – wie wir dank der Rundschau wissen – nicht zutrifft. Es ist nicht bekannt, dass sich Ueli Maurer über die tendenziöse Grafik der Gripen-Lobby echauffiert hätte.

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Erst nachdem ich einen TA-Redaktor via Twitter auf den Blick-Artikel hingewiesen hatte, baute auch der Tages-Anzeiger einen kurzen Abschnitt in den Bericht über die Beschwerden ein, der einen Hinweis auf die «Informationsgruppe Pro Kampfflugzeug» enthält. «Inwiefern der Aufruf mit der Beschwerdeflut zusammenhängt, war am Samstag nicht zu ermitteln», relativiert der TA. Die Annahme, dass eventuell ein Zusammenhang zwischen dem Aufruf und der Beschwerdeflut existieren könnte, ist andererseits nicht völlig abwegig. Um es wie der TA mit aller gebotenen Vorsicht auszudrücken.

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Eine Antwort zu Vom «Ausraster» zur orchestrierten Anti-SRF-Kampagne

  1. christophe schreibt:

    Hat dies auf Blogueries ferrovipathes rebloggt und kommentierte:
    L’article est en allemand mais malgré tout très intéressant, j’en publierai un résumé en français tout à l’heure. Il est publié sur le blog Silver Train d’Andreas Gossweiler.
    https://agossweiler.wordpress.com

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