Regionalverkehr der SNCF – ein trauriges Kapitel

Schon zwischen 1930 und 1970 wurde das französische Eisenbahnnetz stark ausgedünnt. Jetzt könnte es wieder zu einer grossen Welle von Streckenstillegungen kommen. Die französische Fachzeitschrift «Objectif Rail» veröffentlicht in ihrer aktuellen Ausgabe eine Karte mit 26 von der Stilllegung bedrohten regionalen Bahnlinien. Betroffen sind unter anderem die Linie durchs Zentralmassiv Béziers – Clermont-Ferrand, die Strecke Andelot – Saint-Claude – Nurieux im Jura und die berühmte Tendabahn Ventimiglia – Cuneo.

Das Muster ist bei allen Linien dasselbe: Die Besitzerin der Linien, Réseau Ferré de France (RFF), verrechnet astronomisch hohe Kosten für die Renovierung der oft baufälligen Gleise. So verlangt RFF laut «Objectif Rail» 31 Millionen Euro für die Modernisierung der 25 Kilometer kurzen Strecke Laqueuille – Eygurande-Merlines im Zentralmassiv. Die Regionen wollen nicht zahlen, deshalb wird die Linie im Juli 2014 stillgelegt. Die Folge: Die direkten Schnellzüge zwischen Bordeaux und Lyon entfallen.

Ob den 26 anderen Linien, die «Objectif Rail» erwähnt, das gleiche traurige Schicksal blüht, ist noch nicht entschieden. So oder so ersetzt die SNCF schon heute auf vielen französischen Regionallinien die Züge durch Busse. Seit dem 30. Januar 2014 ist die Strecke Nizza – Tende wegen eines Erdrutsches gesperrt. Es ist nicht bekannt, wann die Reparaturarbeiten fertig sind und die Züge wieder fahren. Ende Februar wurde auch die «Ligne des Alpes» Grenoble – Gap verschüttet, und auch auf dieser Linie ruht der Bahnverkehr seither.

Aber auch in den Regionalzügen, die noch fahren, ist die Reise nicht immer ein Vergnügen. Letzte Woche wollte ich um die Mittagszeit mit einem Regionalzug von Gap nach Valence fahren. Der Zug bestand aus drei Triebzügen der Serie X72500, insgesamt sechs Wagen. Der Zug war völlig überfüllt, in den Korridoren waren riesige Berge von Koffern aufeinander gestapelt. Auf der rechten Seite standen die Koffer sogar vor der Eingangstüre, sodass dort niemand mehr ein- und aussteigen konnte. Nach etwa einer Stunde langsamer Fahrt stand der Zug in einem kleinen Bahnhof still, und die Fahrgäste des ersten, offenbar defekten Triebzuges mussten sich mit ihrem Gepäck in die hinteren Wagen quetschen. Die Kofferberge vor der Eingangstür wurden dann noch höher. In diesem Moment zog ich es vor, die Reise mit meinem Velo fortzusetzen, das ich dabei hatte. Übrigens ist die Linie Valence – Gap laut «Objectif Rail» auch von der Stillegung bedroht – völlig unverständlich, wenn man sieht, wie gross der Andrang der Fahrgäste auf dieser Strecke ist.

KarteRail

Karte: Objectif Rail

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