Weltwoche schreibt Gotthardbahn-Geschichte um

Gotthard

Winterstimmung am Vierwaldstättersee – ganz unten die Gotthardbahn

Von Arnold Kollers Gemälde «Die Gotthardpost» im Zürcher Kunsthaus bis zur grossen Modellbahn im Luzerner Verkehrshaus –  der Gotthard ist immer noch ein bildstarker Mythos, auch 133 Jahre nach dem Durchstich des Gotthardtunnels. Deshalb beginnt die Weltwoche eine neue Serie «Sternstunden der Schweiz» logischerweise mit der Gotthardbahn.

Weltwoche-Autor und SVP-Nationalrat Peter Keller geizt nicht mit nationalstaatlichem Pathos: «Mit Bewunderung schaute die Welt auf das kleine Land der Hirten und Ingenieure im Herzen der Alpen.» Peter Keller zählt die Brücken auf (108), die Höhenmeter (634 auf der Nordrampe, 849 auf der Tessiner Seite) – um mit Nationalstolz zu bilanzieren: «Ziemlich viele Superlative für ein Land, das sich sonst reflexartig kleiner macht, als es ist.»

Überhaupt zieht Peter Keller alle Register, um die Verdienste der Schweiz und ihrer Bewohner zu rühmen. Geleitet wurde die Baustelle von einem «jungen, tüchtigen Schweizer». Gemeint ist der Genfer Ingenieur Louis Favre. Auch die Finanzierung des Tunnels stellt Keller als grosszügige nationale Tat dar: «Die schweizerische Referendumsdemokratie bewies – nicht zum letzten Mal – ihre Vorzüge selbst bei schwierigen Entscheidungen.» Die Rede ist vom Subventionsgesetz für die Gotthardbahn, das die Stimmbürger 1879 bewilligten.

Nur: Die nationalistische Selbstbeweihräucherung, die Peter Keller veranstaltet, hat wenig mit der Realität zu tun. Die Weltwoche verschweigt, dass die Gotthardbahn nur zu einem relativ kleinen Teil durch die Schweiz finanziert wurde. Der Bau der Gotthardbahn wurde auf 85 Millionen Franken veranschlagt. Den Löwenanteil davon, nämlich 45 Millionen Franken, bezahlte Italien. Die Schweiz und Deutschland übernahmen je 20 Millionen. Peter Keller hat das entweder nicht gewusst, oder er hat es vergessen. Sonst wäre es für die Weltwoche verdammt schwierig geworden, die Gotthardbahn als exklusive «Schweizer Sternstunde» darzustellen.

Dass Italien und Deutschland drei Viertel der Subventionen übernahmen, war logisch. Denn der Ausflugsverkehr zwischen Luzern und Lugano war nicht der Hauptzweck der aufwändigen Gebirgsbahn. Das Ruhrgebiet und Italien brauchten einen Kanal, um deutsche Kohle nach Norditalien und zu den italienischen Häfen zu transportieren. Um Frankreich und Österreich-Ungarn zu umgehen, war die Gotthardlinie durch die neutrale Schweiz sehr praktisch.

Zudem stammte der grösste Teil der Arbeiter, die die Gotthardbahn erbauten, aus Italien. Peter Keller verliert kein Wort darüber. Im Gegenteil: Die grosse Zahl der Arbeiter (rund 15000) ist für Keller nur ein weiterer Schweizer Superlativ. Und den deutschen Kaiser karikiert er als aufgeblasenen Wichtsack (der sein Glückwunschtelegramm mit «Wilhelm, Imp. Rex» unterschreibt).

Sorry, Peter Keller, aber auch der Namenspatron des Gotthardpasses ist übrigens ein Deutscher – Sankt Godehard von Hildesheim, ein wundertätiger Bischof des Mittelalters.

Für den Schweizer Tourismus war die Gotthardbahn anfänglich eher ein Nachteil als ein Vorteil: «The fast connection threatened to marginalise Switzerland as a tourist destination because tourists would simply speed through Switzerland towards their Italian destinations.» Das schreibt die niederländische Historikerin Judith Schueler in ihrem 2008 erschienenen Buch «Materialising Identity – the co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity».

Indem Peter Keller den Gotthard als exklusive Schweizer Heldentat darstellt, reiht er sich in eine lange Tradition von Autoren, deren Blick auf die Realität durch Nationalstolz vernebelt war. Judith Schueler zeigt in ihrem Buch, wie verschiedene Schriftsteller die Gotthard-Geschichte umschrieben, um den Gotthard als Baustein der Schweizer Identität nutzbar zu machen: «Interpretative liberties they took rendered the tunnel construction a Swiss affair. All the main characters are Swiss nationals, ranging from the tunnel workers to the Gotthard Railway Company engineers… the novels re-write the story as exclusively Swiss.»

Judith Schueler: «Materialising identity. The co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity». Aksant Academic Publishers, 2008

Foto: Andreas Gossweiler

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