«Man muss vergessen»

Das Vergessen hat ein schlechtes Image. Man setzt es oft mit Versagen gleich, oder sogar als Symptom der Demenz. Das Verdienst des französischen Ethnologen Marc Augé ist es, dass er zeigt, dass das Vergessen nichts Passives ist und schon gar keine Krankheit, sondern eine Aktivität, die genau so wichtig ist für das Leben und für das Denken wie das Erinnern. Augé hat das mit einem sehr poetischen Bild ausgedrückt:

«Die Erinnerungen werden durch das Vergessen geformt wie die Uferlinie durch das Meer.»

Ein fantastischer Satz. Zu finden ist er im 2001 erschienenen Büchlein «Les formes de l’oubli», das jetzt mit zwölf Jahren Verspätung endlich auch in deutscher Übersetzung als «Formen des Vergessens» erschienen ist.

Der Ethnologe, der lange in Afrika gelebt hat, erkennt in Riten und in kulturellen Werken drei «Figuren des Vergessens»: die Rückkehr in die Vergangenheit, den Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft und den Neubeginn. «Alle drei Figuren sind Töchter des Vergessens», schreibt Augé.

Marcel Proust ist für ihn der  Autor, der sich mehr als andere mit der Rückkehr befasst hat, mit dem Versuch, eine verlorene Vergangenheit wiederzufinden. Die berühmte Madeleine oder ein rauhes Kopfsteinpflaster waren Hilfsmittel dazu. Eindrücke aus früheren Jahren kann man nur wieder finden, wenn man sie zuerst vergessen hat. Auch wer ein Buch wieder liest oder einen Film wieder sieht, empfindet das Vergnügen der Rückkehr.

Auch der Schwebezustand braucht das Vergessen – «das momentane Vergessen der Zeiten». In diesem «Stückchen reiner Gegenwart» offenbart sich für Augé «die nackte Wahrheit des Seins». Auch das Lesen eines spannenden Romans ermöglicht laut Marc Augé, «sich selbst zu vergessen», wenigstens für ein paar erholsame Stunden.

Der Neubeginn zeigt deutlich, wie wichtig das Vergessen ist – denn «das Vergessen der Vergangenheit ist für allen wirklichen Neubeginn notwendig», erinnert uns Augé.

Für Marc Augé ist klar: «Man muss vergessen, um anwesend zu bleiben, vergessen, um nicht zu sterben, vergessen, um treu zu bleiben.»

Marc Augé: «Formen des Vergessens», Matthes & Seitz Verlag 2013

Über agossweiler

Journalist
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Theorie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu «Man muss vergessen»

  1. Pingback: Der gute Europäer | SILVER TRAIN

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s