«Carlos»: Chronologie einer Medienkampagne

Ich wollte zuerst nichts zu «Carlos» bloggen – aber es muss sein, denn diese Angelegenheit zeigt exemplarisch, wie Medien funktionieren und welche Verheerungen verantwortungsloser Journalismus anrichten kann. Die Ereignisse in chronologischer Form:

Am 25. August strahlte SRF eine «Reporter»-Sendung über den Jugendanwalt Hansueli Gürber aus, der nächstes Jahr pensioniert wird. Originalton SRF: «Aktuell testet er gerade ein eigens entwickeltes Sozialkonzept am 17jährigen B. aus, der unter anderem wegen schwerer Körperverletzung mit dem Gesetz in Konflikt kam. Statt in einer geschlossenen Institution lebt B. in einer Wohnung, wo er rund um die Uhr von einer Betreuerin umsorgt wird. Zudem steht ihm ein Privatlehrer zur Seite und sportlich wird er vom zehnfachen Weltmeister im Thaiboxen trainiert. Der monatliche Aufwand von 22’000 Franken lohne sich, glaubt Gürber, denn sein Konzept helfe B., sich in der Gesellschaft zu integrieren.»

Am 28. und 29. August griff der von der Weltwoche zum Blick eingewechselte Andreas Kunz das Thema auf und spitzte die Story zum Skandal zu. Mit grossen Lettern und vielen Ausrufezeichen brandmarkte der Blick die Betreuung von «Carlos», wie er hinfort genannt wurde, als «Sozial-Wahn». Kunz meldete am 29. August: «Es ist alles noch viel schlimmer!» Die Kosten betrügen 29’000 Franken pro Monat. Kunz holte eine Stellungnahme bei SVP-Nationalrätin Natalie Rickli ein, die die Geschichte erwartbar als «Skandal» bezeichnete.

In den folgenden Tagen nahmen alle Schweizer Zeitungen die Geschichte auf, mit unterschiedlicher Gewichtung. Der Tages-Anzeiger stellte die 29’000 Franken in einen grösseren Zusammenhang: «Gürbers Vorgesetzter, der leitende Oberjugendanwalt Marcel Riesen – selbst Mitglied der SVP – gibt zu bedenken, dass eine Einweisung in eine geschlossene Einrichtung für Jugendliche nicht unbedingt billiger, ja teilweise sogar teurer ist. Tatsächlich kostet beispielsweise ein Platz im St. Galler Jugendgefängnis Platanenhof mehr als 24 000 Franken pro Monat, im Massnahmezentrum Uitikon sind es bis zu 17 000 Franken. Und in der für schwer gestörte erwachsene Straftäter reservierten geschlossenen Abteilung des Psychiatriezentrums Rheinau belaufen sich die Kosten gar auf 36 000 Franken.»

Dennoch schäumte die Volksseele: In Hunderten von Kommentaren und Leserbriefen gaben Schweizerinnen und Schweizer ihrer Empörung über die angebliche «Luxusbehandlung» Ausdruck.

Es blieb nicht bei der Empörung. In sozialen Medien wünschten einige User «Carlos» den Tod. Andere erlaubten sich, via Twitter den bürgerlichen Namen des Jungen zu verbreiten (was der Blick nie getan hatte). Die Berichterstattung in Medien und sozialen Kanälen eskaliert immer mehr zu einer eigentlichen Treibjagd, in deren Verlauf immer neue Sünden des Jugendlichen «Carlos» recherchiert und genüsslich ausgebreitet wurden. Ab dem 30. August gingen verschiedene Zeitungen, darunter auch der Blick und der Tages-Anzeiger, dazu über, Carlos‘ Wohnort zu nennen. Wiederum skandalisierte der Blick diese Information: «Reinach sorgt sich um die Sicherheit» titelte die Boulevard-Zeitung.

Am 6. September äusserte sich der Zürcher Justizdirektor Martin Graf zur Geschichte. Seine Pressekonferenz enthielt widersprüchliche Aussagen: Einerseits erklärte er, dass die Unterbringung von kriminellen Jugendlichen in Heimen und psychiatrischen Kliniken bis 40’000 Franken pro Monat kostet. Gleichzeitig kritisierte Graf, Gürber sei «zu wenig sorgfältig» gewesen.

Inzwischen hatte die Medienkampagne schwere Folgen für die Betroffenen: «Carlos» wurde in ein Gefängnis gesteckt, wie es hiess, um ihn «vor investigativen Bürgern zu schützen», die in Reinach aufgekreuzt waren. Und Hansueli Gürber ist krankgeschrieben, bei ihm verursachte der Rummel Herzbeschwerden, und er wurde von empörten Bürgern belästigt, so dass er Polizeischutz benötigte.

Es ist bedauerlich, dass die Medienkampagne nicht zu einer sachlichen Diskussion über das Jugendstrafrecht führte, sondern entgleiste zu einer Hasskampagne, deren Zielscheibe der junge «Carlos» war. Für die Betreuung, die 29’000 Franken kostete, war nicht «Carlos» verantwortlich, sondern die Behörden. Es gab in der Berichterstattung immer wieder Ansätze zu einer sachlichen Diskussion. So stellte der Tages-Anzeiger die teuren Betreuungskosten in Relation zur höheren Rückfallgefahr nach Gefängnisstrafen. Doch solche besonnenen Informationen wurden übertönt durch schrill aufgemachte Medienberichte, welche die Emotionen schürten. So kritisierte die Aargauer Zeitung den Vergleich von Kosten und Nutzen der Resozialisierung kurzerhand als «Milchbüchleinrechnung». Dass die Medienkampagne dazu führte, dass «Carlos» kurzerhand festgenommen und ins Gefängnis gesteckt wurde, zeigt, dass es kontraproduktiv ist, wenn eine Medienkampagne die Emotionen schürt, statt die Fakten nüchtern abzuwägen. Indem Carlos von einem Tag auf den anderen aus seinem Umfeld gerissen wurde, hat man der Resozialisierung des jungen Mannes einen Bärendienst erwiesen.

Fazit: Eine Medienkampagne darf nicht dazu führen, dass ein junger Mann Schäden erleidet, weil die Medien Entscheide aufs Korn nehmen, für die der junge Mann nicht verantwortlich ist. Ich hätte mir auch gewünscht, dass der Regierungsrat seinen Mitarbeitern, insbesondere Hansueli Gürber, den Rücken stärkt, statt sich dem Volkszorn zu beugen. Schade wäre auch, wenn die Medienkampagne dazu führt, dass fortschrittliche Massnahmen im Jugendstrafrecht aus Kostengründen gestrichen werden – weil das Volk diese Massnahmen angeblich nicht versteht. Es gehört zu den Aufgaben von Politikern und Medienschaffenden, den Bürgerinnen und Bürgern auch kompliziert erscheinende Zusammenhänge zu erklären, statt Vorurteile zu bestätigen.

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5 Antworten zu «Carlos»: Chronologie einer Medienkampagne

  1. Ohne jetzt auf die Details an sich eingehen zu wollen, sollte man trotz allem nicht ganz vergessen dass H. Gürber am Anfang die Öffentlichkeit selber gesucht hat. Ihn jetzt als Nebenopfer der ganzen Kampagne und als vom Justizdirektor im Regen stehen Gelassener zu betrachten, wird der Sache nicht wirklich gerecht.

    • agossweiler schreibt:

      Es tut nichts zur Sache, dass Hansueli Gürber beim SRF-Beitrag mitgemacht hat. Es ist egal, über welchen Kanal die Information über Carlos‘ Behandlung zuerst verbreitet wurde. Auch wenn eine Zeitung einen Bericht des Fernsehens nachzieht, müssen sich die Journalisten überlegen, welche Folgen ihre Berichte haben können.

  2. Miguel Santana schreibt:

    Sie gehen in Ihrem Blog nur darauf ein, dass man wegen der Kosten empört sei. Es gibt allerdings noch eine zweite Ebene: Selbst wenn der Täter im Gefängnis mehr kosten würde, wäre es wohl für die meisten Mitbürger eher verständlich, als wenn er für das gleiche Geld oder sogar etwas weniger draussen ein zumindest einigermassen luxuriöses Leben führen kann.
    Die Kosten sind somit in meinen Augen nicht der wahre Grund für diese Kampagne. Dieser liegt, dass ein verurteilter Gewalttäter als „Strafe“ in einer 4.5 Zimmerwohnung leben kann, einen super Trainer erhält und auch noch eine Beträuerin bekommt, welche bspw. für ihn kocht.
    Und bezüglich dieser Aufregung kann ich tatsächlich den Volkszorn in einem gewissen Masse nachvollziehen.

    • agossweiler schreibt:

      Herr Santana, in der Viereinhalbzimmerwohnung lebte Carlos nicht alleine, sondern dort wohnte auch seine Sozialarbeiterin. Macht noch zweieinviertel Zimmer pro Nase, das sieht doch schon weniger nach Luxus aus. Abgesehen davon geht es im Jugendstrafrecht eben nicht darum, die Jugendlichen möglichst hart zu bestrafen, sondern darum, sie möglichst erfolgreich zu resozialisieren. Und wenn man dies alles bedenkt, dann ist der Nährboden für selbstgerechten Volkszorn schon viel dünner. Abgesehen davon ist die Welt nicht gerecht. Es ist absurd, dass sich der Volkszorn immer nur auf Menschen am unteren Rand der Gesellschaft richtet. Am oberen Rand der Gesellschaft gibt es auch Ungerechtigkeit, und zwar noch in viel grösserem Ausmass, aber der Volkszorn hält sich dabei in sehr engen Grenzen. Warum eigentlich?

      • Miguel Santana schreibt:

        Her Gossweiler, klar geht es im Jugendstrafrecht nicht darum, die Jugendlichen möglichst hart zu bestrafen, aber es wird immer einen Volkszorn geben, wenn das Volk das Gefühl hat, dass eine Straftäter eher belohnt als bestraft wurde.
        Finden Sie wirklich, dass sich der Volkszorn nur gegen Menschen am unteren Rand der Gesellschaft richtet? Spontan fallen mir sofort auch Gegenbeispiele ein. Es gab einen regelrechten Volkszorn auf Manager, welche zu viel verdienen, obwohl die zumindest gesetzestreu gehandelt haben. Oder auch bei der Swissair. Oder beim Hirschmann. Ich denke, die Entstehung und die Lieferung des Nährboden für einen Volkszorn ist kompliziert und hängt insbesondere von den Medien ab. Dies wiederum gilt auch als Erklärungen, weshalb sich diese öfters gegen den unteren Rand der Gesellschaft richtet. Viele Journalisten handeln opportunistisch und wollen sich nicht mit den Mächtigen anlegen.

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