Internet-Dating: «Ein radikaler Bruch mit der Kultur der Romantik»

Einer der folgenschwersten Irrtümer, dem viele Internet-User erliegen, ist die Idee, die Kommunikation im Internet funktioniere genau gleich wie «im richtigen Leben». So titelte die Zeitung «Ostschweiz am Sonntag» am 31. März: «Twitter ist wie das richtige Leben». Das war ein Zitat aus einem Interview mit einer Ostschweizer Twitterin.

Die Soziologin Eva Illouz hat einen Text unter dem Titel «Romantische Netze» geschrieben, in dem sie die Partnersuche im Internet untersucht. Der Text zeigt sehr deutlich, wie gross die Unterschiede zwischen der Partnersuche im Netz und Begegnungen im «richtigen Leben» sind.

Zunächst hält Eva Illouz fest, welche besonderen Mechanismen das Internet-Dating hat. Anders als im «richtigen Leben» liest man im Internet eine schriftliche Selbstdarstellung, der Kontakt ist also eine «entkörperlichte textuelle Interaktion», bevor man die körperliche Präsenz eines möglichen Partners erleben kann. Die Menschen nehmen sich im Internet als «Bündel von Attributen» wahr. Beim ersten Treffen erleben viele den berüchtigten «Photo-Schock», weil fast niemand «im richtigen Leben» so aussieht wie auf dem geposteten Foto. Die virtuelle Begegnung im Internet findet laut Illouz zudem «in Marktstrukturen» statt: Ziel ist nicht nur das Finden eines Partners, sondern «die bestmögliche Wahl». Das Internet macht aus jedem User «eine öffentlich ausgestellte Ware». Das sei «ein entscheidender Schritt weg vom traditionellen Verständnis der Liebe», sogar ein «radikaler Bruch mit der Kultur der Liebe und Romantik», schreibt die Soziologin.

Auch die traditionelle Art, sich zu paaren, beschreibt Eva Illouz sehr präzise. Vor dem Internet sei die romantische Liebe etwas Spontanes gewesen. Man stellte sich die Liebe als einen unerwarteten «coup de foudre» vor, als ein Ereignis, das «gegen den eigenen Willen und gegen die eigene Vernunft ins Leben einbricht». Anders als im Internet sind Begegnungen mit anderen Menschen im «richtigen Leben» laut Illouz «holistisch», das heisst, der Zusammenhang von Eigenschaften wie Haarfarbe, Körperbau, Stimme undsoweiter ist wichtiger als die einzelnen Eigenschaften. Bei Begegnungen im «richtigen Leben» fällen wir laut Illouz intuitiv schnelle und treffsichere «Blitzurteile» über andere Menschen.

Das Internet behindere aber die Entstehung von romantischen Gefühlen, schreibt Eva Illouz. Denn die Selbstbeschreibung mit Worten im Internetprofil verunmöglichen intuitive Blitzurteile. Weil man zuerst nur sprachlich vermittelte Attribute wahrnimmt (gross/klein, Akademiker/Arbeiter, blond/braun usw) und unpassende Profile sofort wegklickt, erschwere das Internet einen wesentlichen Aspekt der Partnersuche, nämlich die Fähigkeit, «laufend mit uns selbst über die Bedingungen zu verhandeln, zu denen wir bereit sind, eine Beziehung zu anderen aufzunehmen», auch wenn diese anderen vielleicht nicht ganz mit unserem Katalog der Wunscheigenschaften übereinstimmen.

Und weil eben im «richtigen Leben» der Zusammenhang der Eigenschaften wichtiger ist als einzelne Eigenschaften, liefert das Internet laut Illouz Informationen über andere Personen, die aber «nicht genutzt werden können, um eine Person als Ganzes zu verstehen.» Kurz gesagt: «Die im Internet wirksame Vorstellungskraft setzt Phantasie frei, behindert aber romantische Gefühle.»

Eva Illouz: «Gefühle in Zeiten des Kapitalismus», Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 2012

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8 Antworten zu Internet-Dating: «Ein radikaler Bruch mit der Kultur der Romantik»

  1. nggalai schreibt:

    Für mich, und einen Haufen anderer Menschen incl. einem ganz großen Haufen Soziologen ist »das Internet« (welches eigentlich?) einfach nur ein Sozialraum. Jeder Sozialraum hat Einschränkungen der verfügbaren Informationen und Informationskanäle; das was Eva Illouz mit »holistisch« bezeichnet ist auch nur ein kleiner Ausschnitt der darin involvierten Personen, abhängig von den jeweiligen Wahrnehmungsfähigkeiten (sowohl physisch als auch nach geistiger Tagesform) als auch vom Kontext abhängig: Man »gibt« sich im Wartezimmer einer Ärztin anders als bei 90dB(A) im Club oder am FKK-Strand. Und das Gegenüber bekommt je nach Kontext auch andere Informationen geliefert, egal auf welchem Kanal.

    Auch Menschen ohne irgendeine Wahrnehmungsstörung sehen dann einen anderen Ausschnitt des Gegenübers. Und sei’s nur, weil man sich bei den genannten 90dB(A) nicht wirklich gut unterhalten kann und das Gegenüber wahrscheinlich streng riecht, oder weil man beim ersten Treffen am FKK-Strand mehr von etwaigen Piercings, Tätowierungen und Rasurgewohnheiten mitbekommt, und automatisch Schlussfolgerungen über die Person zieht. Oder weil man nicht gerne mit anderen Menschen redet, sondern die Schriftform als als ideales Kommunikationsmittel für sich entdeckt hat. Oder weil man nicht mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht reden kann, z.B. weil man Zungenkrebs hat, oder eine soziale Phobie, oder 900 km entfernt wohnt.

    In der Regel weiß man beim spontanen Treffen in der Öffentlichkeit nichts über psychische Zustände, Krankheiten oder besagten Körperschmuck, noch eröffnet sich in den vielzitierten ersten 5 Sekunden der Humor des Gegenübers, Argumentationsfähigkeit, Musik- oder Filmgeschmack, religiöse Einstellung, meistens nicht einmal Beruf oder Berufung. Auch beim »persönlichen« Treffen wird immer nur ein Teil preisgegeben und ein Teil wahrgenommen. Das hängt neben der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit, die durchaus nicht der Norm entsprechen muss, entscheidend vom gegenwärtigen Sozialraum ab: dem Kontext. Und ich sehe nicht, weshalb hier »das Internet« (welches eigentlich?) sich als Kontext irgendwie von anderen Sozialräumen unterscheiden soll. Eine Wertung lehne ich grundsätzlich ab, es riecht zu sehr nach Revisionismus einerseits, andererseits nach Elitegedanken à la »wenn Du was von mir willst dann zieh Dir eine Krawatte an und komm um 9 Uhr in mein Büro.«

    Dass ich das Gegenüber sehen und riechen und hören kann – sofern man dort kein Handicap hat, natürlich – ist nicht mehr oder weniger wert, als dass man Wortfindungsprobleme, Argumentationsstärken oder ein Hang zur antiquierten Rechtschreibung im Netz sofort wahrnimmt. Beides beeinflusst das Verhältnis Eigenbild / Fremdbild, automatisch, unbewusst auf beiden Seiten.

    • Andreas Gossweiler schreibt:

      Mit Eva Illouz‘ Analyse kann man einverstanden sein oder nicht. Mich überzeugen aber Deine Gegenargumente nicht. Du erwähnst einige aussergewöhnliche, seltene Situationen (FKK-Strand, Zungenkrebs), die wenig zu tun haben mit der Realität der meisten Menschen. Die meisten Menschen treffen sich in einem Café, am Arbeitsplatz, zuhause, usw, nicht am FKK-Strand. Es stimmt natürlich, dass man bei einem Gespräch nicht alle Aspekte einer Persönlichkeit wahrnehmen kann. Doch das entkräftet Eva Illouz‘ These nicht. Der Kernpunkt von Eva Illouz‘ Text ist nämlich der folgende: Im Internet liest man eine sprachbasierte Selbstdarstellung – im «richtigen Leben» begegnet man hingegen einem Körper. Und es sind gerade die körperlichen Signale, die romantische Gefühle auslösen. Ein Text im Internet, den eine Person geschrieben hat, der man nie begegnet ist, kann hingegen keine Gefühle der Verliebtheit auslösen. Hier ist vielleicht ein Zitat von Eva Illouz wichtig zum Verständnis: «Es zeigt sich, dass der Körper vielleicht der beste und einzige Weg ist, um eine andere Person zu kennen und sich zu ihr hingezogen zu fühlen.» Und den Körper kann man nun einmal im Internet nicht erleben. Übrigens gilt das auch für Zungenkrebs-Patienten und FKK-Strand-Besucher, und auch für die bedauernswerten Menschen, die Gerüche nicht wahrnehmen können. Um sich zu verlieben, ist es nicht wichtig, schon beim ersten Rendez-vous alle intimen Details wie «Piercings und Rasurgewohnheiten» zu erfahren. Viel wichtiger sind andere Eigenschaften wie das Gesicht, die Augen, der Körperbau, der Handshake, die Stimme undsoweiter. Aber eben, das Gesicht sieht man im Internet nicht – man sieht höchstens ein Foto, und das sieht erfahrungsgemäss meistens ganz anders aus als im «richtigen Leben».

      Im Buch von Eva Illouz gibt es übrigens weder Wertungen noch Revisionismus oder Elitegedanken – vielmehr hat die Soziologin genau hingeschaut und das, was sie gesehen hat, präzise beschrieben, und das finde ich sehr spannend.

  2. nggalai schreibt:

    Andreas, das war keine Entgegnung auf Illouzs Artikel, sondern auf Deine extrem verkürzte Zusammenfassung davon. Wie Du aus Illouzs »… vielleicht der beste und einzige Weg« ein »… kann man im Internet nicht erleben« machst, da hätte auch Frau Illouz keine Freude dran. Sie argumentiert doch sehr viel, nun ja, vielschichtiger. Du scheinst Dir genehme Zitate herauszugreifen, wie schon vor kurzem bei Morozov. Was halt gerade zu Deinem Thema passt. Korrigier mich, wenn ich falsch liege, aber Dein Thema ist: »Das Internet ist böse?« Jedenfalls scheint es mir so, wenn ich die Artikel der letzten Monate durchblättere.

    Es ist nichts verwerfliches daran, wenn man Stellen in Werken herausgreift, die einem gefallen. Aber dann sollte es auch als »Lieblingsstelle« oder so gekennzeichnet sein.

    Zum Thema:

    Dir sind offenbar Dinge wie »Gesicht, die Augen, der Körperbau, der Handshake, die Stimme undsoweiter« wichtig. Anderen nicht, weniger wichtig als die sprachliche Kommunikation, oder gleichwertig damit. Das weiß auch Illouz, die einfach nur be-schreibt, nicht vor-schreiben will. Ganz ohne Wertung, wie Du selbst betonst. Oder kurz gesagt: Ich verstehe Deinen Ansatz nicht, und ich fürchte, wir reden aneinander vorbei. Was bezweckst Du mit solchen Artikeln, mit solchen Zitatensammlungen?

    • Andreas Gossweiler schreibt:

      Ich habe nie geschrieben, das Internet sei «böse». Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, wie Medien funktionieren. Und ich finde, Eva Illouz, und auch Evgeny Morozov, haben auf diesem Gebiet eine hoch interessante Arbeit geleistet. In meinem Blog erwähne ich Texte, die ich spannend finde, weil ich hoffe, dass auch andere Leute sich davon inspirieren lassen möchten.

      Den Vorwurf, ich hätte willkürlich Zitate aus Eva Illouz‘ Buch herausgegriffen, um damit eine These zu basteln, die nichts mit Illouz‘ Buch zu tun hat, weise ich zurück. Die Zitate, die ich in meinem Blog erwähne, sind keine «Lieblingsstellen» von mir, sondern es sind zentrale Aussagen aus Illouz‘ Buch. Es gibt in ihrem Buch keine Aussagen, die völlig gegenläufig wären zu meinem Blogtext. Eva Illouz schreibt beispielsweise, wie ich bereits erwähnt habe, der Körper sei wichtig fürs Kennenlernen. Es ist kein Widerspruch dazu, wenn ich schreibe, dass man den Körper im Internet nicht wahrnehmen kann. Denn Illouz beschreibt den Internet-Kontakt ebenfalls als «sprachvermittelte Selbstpräsentation» und als «entkörperlichte Begegnungen». Ich habe also nichts dazuerfunden. Selbstverständlich ist nicht nur die Form der Nase, sondern auch die sprachliche Kommunikation wichtig fürs Kennenlernen und fürs Verlieben. Der Unterschied zwischen dem Internet und dem «richtigen Leben» ist jedoch wie gesagt, dass die Kommunikation im Internet (im Gegensatz zum «richtigen Leben») sprachbasiert ist, oder wie Eva Illouz es schön formuliert hat: «Das Internet sorgt auf folgenreiche Weise für eine Wiederbelebung des alten cartesianischen Dualismus zwischen Geist und Körper, wobei der einzige echte Ort für das Denken und die Identität im Geist angesiedelt wird.»

      • nggalai schreibt:

        Andreas, ich habe nicht gesagt, Du hättest etwas hinzuerfunden. Aber jetzt, in diesem letzten Kommentar, klingt es doch deutlich weniger, nun ja, »eindeutig« als noch oben im Artikel, nicht? War der Artikel vielleicht doch etwas sehr … selektiv in der Auswahl der Argumente, und stark zugespitzt?

        Als Beispiel ein Zitat aus Deinem letzten Kommentar:

        »Und es sind gerade die körperlichen Signale, die romantische Gefühle auslösen. Ein Text im Internet, den eine Person geschrieben hat, der man nie begegnet ist, kann hingegen keine Gefühle der Verliebtheit auslösen.«

        Das sagt Illouz nicht. Du erfindest das auch nicht hinzu – das ist einfach nur Deine Wahrnehmung, die Du bei Illouz bestätigt siehst bzw. mit Zitaten aus ihrem Text kolportierst. Das ist okay, aber dann mach es doch wie Philippe Wampfler und stell im Lead klar, dass das DAS ist, was Du aus dem Text gelesen hast und dass er diese oder jene Gedanken ausgelöst hat. Stell es nicht so hin, als würden die Autoren Deine Meinung teilen.

        Wobei, eigentlich ist dieser Dialog ein gutes Beispiel für Deine These: Die Kommunikation läuft offensichtlich anders, wenn sie schriftlich geschieht, als wenn man sich einfach bei einem Bier trifft. Sonst müssten wir nicht so viel hin und her schreiben. Punkt für Dich. Aber Malus an Dich; im Internet gibt’s nicht »höchstens ein Foto«. Es soll solche Dinge geben wie Internet-Telefonie, Video-Telefonie, Youtube, Vimeo, und sogar USB-Vibratoren bekommt man freihaus geliefert, wenn man so gestrickt ist.

        Oder geht es Dir schlussendlich in die Richtung Walter Benjamin, oder Stanislav Lem? Die Aura der Person geht verloren, wenn sie nicht faktisch als Person »da« ist, sondern übermittelt/repliziert?

  3. Ich sehe auf den ersten Blick keinen grossen inhaltlichen Unterschied zwischen Beziehungen, die aus einem Twitter-/Facebook-/etc.-Kontakt entstehen und solchen welche vor 30 Jahren aus einer Brieffreundschaft entstanden sind. In beiden Fällen lernt man einen Menschen zuerst über seine schriftliche Ausdrucksweise kennen, was zwar anders ist als ein direktes Gespräch aber a priori weder besser noch schlechter. Und es gibt für beide Konstellationen (Twitter und Brieffreundschaften) Beispiele welche zeigen dass daraus durchaus eine stabile Beziehung entstehen kann.

  4. Andreas Gossweiler schreibt:

    nggalai > Nochmals: mein Blogartikel ist weder «selektiv» noch «zugespitzt», sondern enthält die zentralen Argumente von Eva Illouz‘ Buch. Auch zum von mir formulierten Satz, dass ein Text im Internet keine romantischen Gefühle auslösen kann, gibt es inhaltlich parallele, wenn auch besser formulierte Stellen in Illouz‘ Buch, zum Beispiel: «Die im Internet wirksame Vorstellungskraft setzt Phantasie frei, behindert aber romantische Gefühle», oder: «Das Internet liefert eine Art der Kenntnis, die, weil sie entbettet und losgelöst von kontextueller und praktischer Kenntnis der anderen Person ist, nicht genutzt werden kann, um die Person als ganze zu verstehen», oder: «Weil sie sich auf eine Masse an textbasiertem kognitiven Wissen verlässt, wird die Vorstellungskraft im Internet durch „verbal overshadowing“ beherrscht, eine Sprachdominanz, die den Prozess visueller und körperlicher Anerkennung stört.»

    Der Begriff der «Aura» kommt übrigens bei Eva Illouz nicht vor. Walter Benjamin beschrieb in seinem berühmten Buch die Aura von Kunstwerken im Zeitalter ihrer Reproduktion, nicht die Aura von Personen. Bei Illouz geht es, wie erwähnt, um Sprache und Körper.

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