Mick Farren: «If rock becomes safe, it’s all over»

Am 27. Juli starb Mick Farren während einem Konzert seiner Gruppe Deviants. Mick Farrens Tod wurde von der Schweizer Presse mit keinem Wort erwähnt. Dabei ist er eine legendäre Figur, ein Urgestein der Londoner Punk-Szene, mindestens so wichtig wie Malcolm McLaren oder Vivienne Westwood, wenn auch weniger geschäftstüchtig. Zugegeben, auch ich kam verspätet mit dem Namen Mick Farren in Kontakt. In einem Interview mit der Zeitschrift SPEX im Juli 1989 sagte der schottische Sänger Edwyn Collins:

«Ich habe ein wenig in Sachen Punkrock geforscht und herausbekommen, dass es ein ganz bestimmter, grundlegender Artikel war, so eine Art Katalysator, der die Punkbewegung in Gang setzte. Einige Leute sind der Meinung, dass in Mick Farrens Artikel 1976 – ich weiss nicht, ob Du Dich noch daran erinnerst? – „The Sinking Of The Titanic“, zum ersten Mal die Rede von Dinosaurier-Bands war, die ihrerseits quasi das Musikmonopol innehatten. Dass die Musik der Jugend aus den Händen geglitten und nur noch Big Business war…»

Wie andere Punkmusiker hatte Mick Farren anno 1976 bereits eine reichhaltige musikalische Vergangenheit. The Deviants spielten schon 1967 ihre erste LP «Ptooff!» ein, sie enthielt trockenen, clever arrangierten Garagenrock. Nicht der Stoff, der melodiesüchtige Menschen wie mich zum Schwelgen bringt, aber dennoch eine sehr respektable Leistung. Edwyn Collins kannte Mick Farrens Vorgeschichte bestens: «Er arbeitete für IT und andere Hippie-Zeitungen der späten Sechziger.» Collins‘ Fazit: «Die Punkrockbewegung war sozusagen das letzte Leuchtsignal dieser radikalen Hippies. Die gleichen Leute… Tatsächlich waren es also die radikalen Hippies, die 1976 und 1977 das öffentliche Interesse auf den Punkrock brachten.» Diese Idee fand ich spannend. Zwar gab es 1976 einen Bruch, doch gleichzeitig gab es auch eine Kontinuität, weil einige Leute bereit waren, sich radikal neu zu orientieren.

In seinem von Edwyn Collins erwähnten polemischen Artikel, der im New Musical Express erschien, genau genommen unter dem Titel «The Titanic Sails at Dawn», teilte Mick Farren der Welt schonungslos und sprachlich kreativ den Stand der Dinge mit:

«Currently about the only figure who seems to have the least interest in the social progress of rock’n’roll is the skinny, crypto Ubermensch figure of David Bowie. Everyone else is waltzing around the grand ballroom, or playing musical chairs at the captain’s table.»

Punk war eben viel mehr als Sicherheitsnadeln und Lederjacken. Punk Rock war die Reaktion auf die Entwicklung, die Mick Farren beschrieb als «the absorption of rock’n’roll into the turgid master stream of traditional establishment showbiz.» Deutlich formulierte er die Frustration der Konzertbesucher: «Has rock’n’roll become another mindless consumer product that plays footsie with jet set and royalty while the kids who make up its roots and energy queue up in the rain to watch it from 200 yards away?» Für Mick Farren war klar: «If rock becomes safe, it’s all over…  From the blues onwards, the essential core of the music has been the rough side of humanity. It’s a core of rebellion, sexuality, assertion and even violence. All the things that have always been unacceptable to a ruling establishment.»

Mick Farren sah folgende Lösung: «It’s time for the 70s generation to start producing their own ideas, and ease out the old farts who are still pushing tired ideas left over from the 60s.»

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